US-Autor Tom Perrotta porträtiert in seinem neuen Roman eine suchende 46-Jährige zwischen Dating-Apps, Pornos und Gender Troubles. Das geht nicht ohne Klischees.
Eve Fletcher ist Alleinerzieherin und erfolgreiche Leiterin eines Seniorenheims in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Ihr Sohn Brendan ist ausgezogen, um auf dem College sein erstes Studienjahr zu absolvieren. Da fällt Eve in ein tiefes Loch. 46 Jahre ist sie alt – zu jung, um schon zum alten Eisen zu gehören; zu alt, um sich gänzlich unbefangen auf den Singles-Markt zu werfen. Das ist die Ausgangssituation von Tom Perrottas Unterhaltungsroman „Mrs Fletcher“, in dem er die Suche nach Partnerschaft und sexueller Erfüllung in der Gegenwart zum Thema macht. Darf eine nicht mehr ganz junge Frau heutzutage noch auf die große Liebe hoffen? Und: Kann sie die Vergangenheit hinter sich lassen und sich zur Mitte ihres Lebens noch einmal neu erfinden?
Diese und ähnliche Fragen wirft Perrotta in dem Buch auf und erspart seiner Heldin wenig. Durch das gesamte Dickicht der heutigen Gender-Diskurse muss Eve sich schlagen, bis sie endlich glücklich sein darf. Keine Sorge, sie wird es, ganz am Ende nach mehr als 400 Seiten. Bis dahin ist die Reise der Mittvierzigerin allerdings ziemlich beschwerlich, inklusive einiger Irrfahrten. Die Moral am Ende des vergnüglichen, aber wenige Klischees aussparenden Romans lautet: Manchmal ist die Liebe ganz nah. Man muss sie nur sehen wollen. Dagegen ist relativ wenig einzuwenden.
Hilfe, ich bin eine Milf! Aber von vorn: Nach Brandons Abreise an die Universität schreibt sich Frau Fletcher am örtlichen Community College ein und belegt einen Gender-Studies-Kurs, an dem überraschend viele weiße Männer teilnehmen (eher unfreiwillig, wie sich herausstellt, ist deren Wunsch-Vortragender doch unlängst gestorben). Während Eve die Annäherungsversuche eines lästigen Mitstudenten abwehrt, erhält sie Einblick in die Lebensrealität ihrer Lektorin Margo Fairchild, die früher ein Mann war.
Überhaupt lernt Eve plötzlich viele neue, einst fremde Lebenswelten kennen: Sie wird zur weiblichen Porno-Konsumentin, die Gefallen an Videos findet, die ältere Frauen wie sie selbst involvieren – sogenannte Milfs (Moms I'd like to fuck), Mütter mit Sexappeal. Sie exploriert Dating-Apps und übt sich im Verfassen anzüglicher Textnachrichten. Sie kommt einer Arbeitskollegin näher und einem Teenager.
Eves Sexualverhalten schwankt zwischen den Polen der gesellschaftlichen Normierung und dem Drang nach Freiheit und beschreibt damit treffend die Lage, in der sich heute viele Menschen befinden. Autor Perrotta exerziert diese Rollenklischees (und das Leiden daran) allerdings ein wenig zu brav durch, auch wenn er mit der Protagonistin nicht zimperlich umgeht.
Ob es nun um Autismus von Angehörigen geht, um die Schwierigkeiten des Patchworkfamilien-Daseins, um die psychischen Nöte der Senioren, diverse Lebensmittelunverträglichkeiten und die notorische Unterbezahlung in Sozialeinrichtungen, um die Rape Culture und Political Correctness an US-Colleges oder den tabuisierten weiblichen Pornokonsum: All diese Problemlagen werden in „Mrs Fletcher“ mit Augenzwinkern verhandelt.
So viele Optionen. Bei der Lektüre des Romans stellt man sich auch die Frage, ob die heutige westliche Welt tatsächlich so kleinkariert ist, wie der Autor sie darstellt. Ist das sexuelle Verlangen einer 46-Jährigen wirklich so ungewöhnlich? Bemitleidenswert, dass Eve auf mehr als 400 Seiten kaum einmal richtig guten Sex hat. Nun gut, der Roman will unterhalten und spielt (eben zur Genüge) mit Klischees. „Mrs Fletcher“ illustriert, wie viele Optionen Glückssuchende heute haben. Auch wenn sich der Markt der Möglichkeiten multipliziert hat, beginnen die wahren Entdeckungsreisen meist mit dem Über-Bord-Werfen der Ängste. Eve hat noch viel zu lernen.
Neu Erschienen
Tom Perrotta
„Mrs Fletcher“
Übersetzt von Johann Christoph Maass, Dtv-Verlag, 416 Seiten,
22,70 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2019)