Schnellauswahl
Pop

Märchenonkel mit Anspruch auf Wahrheit

Jazzveteran Benny Golson (Archivbild).
Jazzveteran Benny Golson (Archivbild).(c) imago/Pacific Press Agency (imago stock&people)
  • Drucken

Jazzveteran Benny Golson bezirzte mit Schmäh und Saxofonschmelz im Wiener Porgy & Bess.

Am 12. August 1958 hat Fotograf Art Kane 57 der größten Jazzstars und -talente vor einem Haus in Harlem versammelt. Heute leben nur mehr zwei Musiker von diesem weltberühmten Gruppenbild. Der eine ist Sonny Rollins, der sich aus gesundheitlichen Gründen vom Spielen zurückziehen musste, der andere ist Benny Golson, der auch mit 90 noch ziemlich fidel ist. Und das wider alle Vernunft. Sagt seine Frau, er solle Gymnastik machen, beginne er zu zittern, scherzte der Veteran und freute sich vor ausverkauftem Porgy darüber, dass er – auf Tournee seiner Frau entkommen – ein paar ungesunde Dinge essen konnte. Exakt diese spendeten ihm die Energie, zwei Sets voll mit schönst zelebrierten Melodien und bis zu 15 Minuten dauernden Geschichten aus seinem Leben zu füllen.

Nach dem eleganten wie erdigen Opener „Horizon Ahead" erzählt Golson, wie spontan ihm der spätere Standard „Whisper Not" eingefallen sei: Normalerweise fußen seine Kompositionen auf einer Geschichte. Diesfalls nicht. Dennoch hatte er innerhalb 30 Minuten Melodie und Struktur beisammen. Einzig zwei Worte fielen ihm dazu ein: „Whisper Not". Heute bezeichnen sie einen Jazzstandard, den Granden von Ella Fitzgerald bis Keith Jarrett interpretiert haben.

Und natürlich Golson selbst. An diesem Abend verwöhnte er mit einer zart swingenden Lesart, favorisierte einen Saxofonsound mit Vibrato, was ein wenig klang, als hätten Coleman Hawkins und Ben Webster ihre Stile fusioniert. Den Hype um Golsons markante Stücke läutete Miles Davis ein, als er 1956 „Stablemates" mit Golsons Jugendfreund John Coltrane aufnahm. Von da an suchten viele Kollegen jene Notenblätter, die ihnen Golson irgendwann mal zugesteckt hatte.

 

Brandrede gegen Jazzuniversitäten

An diesem nostalgischen Abend im Porgy kreiste er aber nicht bloß um sich selbst. Eine groovende Hommage an Duke Ellington sowie eine beseelte Huldigung von Trompeter Clifford Brown ließen eine verklungene Epoche des Jazz glanzvoll wiederauferstehen. „Stablemates", seine „verrückte Nummer", wie er sie nennt, hob er sich für den Schluss auf. Davor hielt er noch eine Brandrede gegen den verheerenden Einfluss von Jazzuniversitäten, lobte Jamsessions und die 78erSchellacks als den besten Weg zum individuellen Sound. Selbigen führte er entlang der Melodielinie von „Stablemates" vor. Golsons Spiel ebnete alle existenziellen Ambivalenzen ein. Quasi als Vorschuss auf den himmlischen Frieden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2019)