Die Polizei will die Drogenszene auf dem Karlsplatz auflösen. Die Sozialarbeiter wollen Anlaufstellen zum Ausweichen schaffen - doch eine völlige Vertreibung halten sie für kaum realistisch.
Beim Thema Drogen gibt es wenig Sachkenntnis und viel Emotion.“ Man merkt Roland Reithofer an, dass er mit dem Plan von Innenministerin Maria Fekter und der Wiener Polizei, den Karlsplatz drogenfrei zu machen, nicht allzu glücklich ist. Zumindest nicht mit der Tonalität, in der die Diskussion nun geführt wird. Kein Wunder, schließlich ist er Sozialarbeiter – und als Geschäftsführer des Wiener Vereins für Sozialprojekte auch für das Team der Streetworker in der U-Bahn-Passage verantwortlich. Worte wie „Vertreibung“ oder gar „Säuberung“ der Passage von der Drogenszene vertragen sich nicht mit der Logik der Sozialarbeiter. Hier gehe es schließlich um Menschen. Um schwerkranke noch dazu – „und niemand ist freiwillig suchtkrank“.
Dass sich auf dem Karlsplatz aber in den kommenden Monaten einiges ändern muss – und wird –, das wissen auch die Streetworker. Schließlich startet im Juni der völlige Umbau des Karlsplatzes und seiner Passagen. Und schon allein aus Platzgründen wird es dann für die Drogenszene ungemütlich. Schließlich müssen sich die Suchtkranken dann die baustellenbedingt noch viel engeren Gänge mit den täglich 200.000 Passanten teilen.
Und eng genug ist es jetzt schon. „So etwas passiert jeden Tag“, schimpft die Blumenverkäuferin, als ein Betrunkener umkippt und dabei ein Gesteck ruiniert. 32 Euro kosten die Blumen. Geld, das ihr wohl niemand jemals erstatten wird. Solche und ähnliche Schwierigkeiten mit den Suchtkranken kennen die Geschäftsleute der Karlsplatzpassage aus Erfahrung. Auch wenn man sich schon langsam aneinander gewöhnt hat und in einer – eher ungewollten – Symbiose lebt. Und solange die Drogenszene das Geschäft nicht massiv stört, kommt man schon irgendwie damit klar. Und dass das Geschäft an diesem Verkehrsknotenpunkt gut läuft, sagen die Händler auch ganz offen. Nicht umsonst steigen sie auf die Barrikaden gegen den Umbau – denn nicht nur die Drogenkranken sollen im Rahmen der Neugestaltung weichen, auch die Ladenzeile soll verschwinden.
Die Händler ziehen dagegen vor Gericht – und denken gar nicht daran, an einen anderen Standort auszuweichen. Für die Suchtkranken hat man sich dagegen Alternativen überlegt. Zum einen werden die Kapazitäten der Drogenberatungsstelle „Ganslwirt“ in Mariahilf erweitert, zum anderen soll das „TaBeNo“ (Tageszentrum, Betreuung, Notschlafstelle) am Wiedner Gürtel zur zweiten großen Anlaufstelle werden. Zumindest bis Ende 2011 – dann sollen beide Einrichtungen an einen neuen Standort ziehen. An der Ecke Gumpendorfer Straße/Gürtel soll die größte niederschwellige Drogenberatungsstelle Österreichs entstehen.
Neue Szenenbildung. Doch dass damit die Drogenszene auf dem Karlsplatz der Vergangenheit angehören wird, das glauben auch die Sozialarbeiter nicht. Denn zum einen habe ein Verkehrsknotenpunkt immer eine Anziehungskraft auf Szenen. Und zum anderen könne man den Suchtkranken nur Angebote machen – ob sie die auch in Anspruch nehmen, ist eine andere Frage. „Wir müssen dort sein, wo die Menschen sind“, sagt Reithofer – nicht umgekehrt. Dieses Argument bringt er auch immer wieder vor, wenn es um die Sorgen von Menschen geht, in deren Umgebung ein Stützpunkt für Drogenkranke aufgemacht wird.
Diese Erfahrung habe man international gemacht – und auch in Wien. So sei es rund um den „Ganslwirt“ in den 20 Jahren seines Bestehens nicht zur Szenenbildung gekommen. „Und auf dem Karlsplatz ist die Szene ja nicht deswegen, weil die Sozialarbeit da ist.“ Auch den Menschen am Gumpendorfer Gürtel habe man das in Anrainerversammlungen schon gesagt. Und auch gleich eine Beschwerdehotline eingerichtet, falls es doch einmal zu Problemen mit Süchtigen kommen sollte.
Denn die gebe es natürlich. 18 Beschwerden habe es im Vorjahr rund um den „Ganslwirt“ gegeben. „Bei den tausenden Menschen, die in der Gegend wohnen, ist das wirklich nicht viel“, meint Reithofer. Aber es gehe bei diesen Maßnahmen auch einfach darum, das subjektive Sicherheitsgefühl der Anrainer zu heben.
Auch auf dem Karlsplatz soll es – trotz der neuen Angebote, trotz der angekündigten stärkeren Polizeikontrollen– mit der Sozialarbeit weitergehen. Die 15 Streetworker, die jetzt vor allem im Stützpunkt arbeiten, werden auch nach Beginn des Umbaus da sein. Nur nicht mehr so lange in der Beratungsstelle – zum Spritzentausch sollen die Süchtigen schließlich zum „Ganslwirt“–, dafür verstärkt auf der Straße vulgo in der Passage. Und ein paar Notspritzen zum Tauschen wird man auch dabei haben. Denn Umbau oder nicht – die Sozialarbeiter werden dort sein, wo die Szene sein will. Nicht umgekehrt.
Der Karlsplatz ist einer von Wiens wichtigsten Verkehrsknotenpunkten. Drei U-Bahn-Linien und mehrere Straßenbahnen kommen hier zusammen. Mehr als 200.000 Menschen gehen täglich durch die Karlsplatzpassage.
Die Drogenszene trägt seit den Achtzigern zum schlechten Image der Passage bei. Seit mehreren Jahren werden Obdachlose und Suchtkranke hier von Sozialarbeitern betreut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)