Stan Wawrinka: Das zweite Leben des Champions

Comeback von Stan Wawrinka.
Comeback von Stan Wawrinka.(c) REUTERS (GONZALO FUENTES)

Stan Wawrinka gewann das bisher spektakulärste Match in Paris. Der Lohn dafür: ein Duell mit Roger Federer. „Diese Spiele sind der Grund, wieso ich zurückgekommen bin.“

Paris. Er musste wegen eines Knorpelschadens im Knie operiert werden, stürzte auf Platz 263 der Weltrangliste hinunter, kämpfte gegen Schmerzen und Rücktrittsgedanken an – und ist plötzlich zurück auf der schillernden Grand-Slam-Bühne der French Open.

Das Comeback von Stan Wawrinka (ATP 28) nötigt auch seinem Schweizer Landsmann Roger Federer Respekt ab. „Ich freue mich für ihn, dass er zurück ist. Ich glaube, dass er glücklich ist, eine Art zweites Leben auf der Tour bekommen zu haben“, sagte Federer. „Ich hoffe aber, dass er nicht auf dem Level von 2015 ist.“

Damals fegte Wawrinka im Viertelfinale auf dem Sandplatz in Paris über Federer hinweg und krönte sich wenige Tage später zum Turniersieger. Im Finale war auch Novak Djoković auf verlorenem Posten. „Stan hat super gespielt in seinen schrecklichen Shorts“, erinnerte sich Federer unter dem Gelächter der Zuschauer in Anspielung auf die karierte kurze Hose, die Wawrinka damals trug und die heute im Roland-Garros-Museum zu sehen ist.

Vier Jahre danach kommt es nun heute bei den French Open erneut zu einem Viertelfinalduell der Ü30-Eidgenossen. 25-mal standen sich der 37-jährige Federer und der 34-jährige Wawrinka gegenüber, die Bilanz fällt mit 3:22 aus Sicht Wawrinkas allerdings verheerend aus.

Dass es in diesem Jahr in Roland Garros zu einem weiteren Aufeinandertreffen kommt, darf durchaus als Überraschung bezeichnet werden. Federer wusste selbst nicht, wie er sein Leistungsvermögen auf Sand einschätzen sollte. Schließlich hat der Sieger von 20 Grand-Slam-Turnieren seit 2015 nicht in Paris gespielt.

Wawrinka hatte nicht nur eine diffizile Auslosung mit dem München-Sieger Christian Garín, dem Bulgaren Grigor Dimitrow und natürlich dem griechischen Supertalent Stefanos Tsitsipas, den er im bislang längsten, spektakulärsten und besten Match des Turniers am Sonntag in fünf Sätzen niederrang (7:6 (6), 5:7, 6:4, 3:6, 8:6). Bezeichnend für die Kämpfernatur Wawrinka: Während der 5:09 Stunden auf dem Court Suzanne Lenglen wehrte der Schweizer 22 von 27 Breakbällen ab (darunter alle acht im Entscheidungssatz). „Das sind die Emotionen, für die ich wieder trainiert habe. Vor so einem Publikum, in so einer Atmosphäre ein Fünf-Satz-Match bei einem Grand Slam zu spielen, das ist der Grund, wieso ich nach der Operation zurückgekommen bin“, meinte der frühere Weltranglistendritte, der außerdem die Titel bei den Australian Open 2014 und den US Open 2016 sein Eigen nennt.

Die jüngsten Ergebnisse und das schwierige vergangene Jahr ließen Wawrinka allerdings nicht mit allzu großen Erwartungen anreisen. Im Sommer 2017 musste er zweimal operiert werden, er kämpfte sich zurück, schaffte es 2018 aber bei keinem der vier großen Turniere weiter als in die dritte Runde. Heuer verlor er schon gegen Spieler wie Marius Copil (ATP 83), Filip Krajinović (ATP 60) oder zuletzt bei seinem Heimturnier in Genf Damir Džumhur (ATP 52).

 

„Die Renaissance“

„Stan Wawrinka gelingt in Roland Garros eine Renaissance“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ nach dem Sieg über den Weltranglistensechsten Tsitsipas. „Die vergangenen zwei Jahre waren hart, aber jetzt bin ich sehr glücklich, wie es bislang im Turnier läuft. Ich erinnere mich gern an 2015 und bin bereit für die Herausforderung“, erklärte Wawrinka. Nur das mit dem zweiten Leben wollte er so nicht unterschreiben. „Ich bin 34 Jahre alt. Es ist noch mein erstes Leben. Ich bin zufrieden damit“, meinte er schmunzelnd. (DPA/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2019)