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Besser leben ohne Facebook, Teil 2

FILE PHOTO: Stickers bearing the Facebook logo are pictured at Facebook Inc´s F8 developers conference in San Jose
FILE PHOTO: Stickers bearing the Facebook logo are pictured at Facebook Inc´s F8 developers conference in San Jose(c) REUTERS (Stephen Lam)

Facebooks Macht reicht über das „soziale“ Netzwerk hinaus, und zwar auf ungute Weise

Ende März habe ich an dieser Stelle zur Debatte gestellt, dass es aus mehreren Gründen ratsam ist, sich von Facebook zu verabschieden: von der seelischen Ausgeglichenheit bis zum Schutz des eigenen Privaten. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, seit Jahresbeginn bin ich, nach einem Jahrzehnt, weg.

Oder auch nicht. Denn Facebooks Macht reicht über das „soziale“ Netzwerk hinaus, und zwar auf ungute Weise. Neulich schickte ich via WhatsApp (das zum Facebook-Konzern gehört) meiner Frau Fotos von Kinderschuhen. Das Logo des Herstellers war darauf nur schwer zu erkennen; ich fügte den Bildern keinen Text hinzu. Trotzdem bekam meine Frau, die noch auf Facebook ist, am nächsten Tag Werbung dieses Kinderschuhherstellers vorgesetzt. Facebook dürfte also seine Bilderkennungssoftware bereits systematisch einsetzen, um WhatsApp-Nachrichten nach Markensymbolen abzugrasen und mit seinem Algorithmus, der uns Werbeinserate hereinspült, zu verknüpfen.

Ob das in Europa legal ist, kann ich nicht beurteilen, ich kenne mich mit der Datenschutzgrundverordnung und ihrer Anwendung zu wenig aus. Rüpelhaft finde ich es auf jeden Fall: Facebook verhält sich hier wie ein indiskreter Sitznachbar im Zug, der mithört, dass man mit seinen Familienangehörigen über dies und das spricht, und einem dann unaufgefordert Werbung dafür aufzuschwatzen sich erdreistet.

Als ich diese Anekdote via Twitter teilte (ja, ich bin mir der Ironie dessen bewusst, eine kleine Kulturkritik der sozialen Medien über ein soziales Medium hinauszuspielen, aber was soll's), erhielt ich Berichte ähnlicher Begebenheiten, die Anlass sein sollten, Mark Zuckerberg noch einmal zur Anhörung ins Europaparlament zu laden (und Jeff Bezos von Amazon gleich dazu). Höhepunkt (oder eher, Tiefpunkt): Eine Bekannte ging an einem Bademodengeschäft vorüber, zeigte es einer Freundin, sie gingen nicht hinein – und sie hatte danach Werbung dieses Geschäfts auf Facebook.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2019)