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Graf: "Weil ich neugierig war"

Die Nada, Österreichs Antidopingbehörde, hat gegen die frühere Weltklasseläuferin Steffi Graf ein Dopingverfahren eingeleitet. Mit der »Presse am Sonntag« spricht Graf gern über ihre alte Rivalin Mutola und ihr Leben heute und weniger gern über Dinge, die sie dem Staatsanwalt anvertraut hat.

Frau Graf, hatten Sie es irgendwann satt, hinter Maria Mutola ins Ziel zu kommen? Wollten Sie mit Ihrer großen Konkurrentin auf Augenhöhe laufen und sind Ihnen dabei die Gedanken an Doping gekommen?

Steffi Graf: Ich habe noch nie solche Gedanken gehabt, weil ich Maria Mutola nie mit Doping in Verbindung gebracht hätte. Ich habe das Glück und das Pech zugleich gehabt, dass ich gegen eine Jahrhundertathletin gelaufen bin.

 

Mutola wurde nie des Dopings überführt, aber ihre Dominanz war vielen suspekt.

Ich würde Maria nie etwas unterstellen. Sie war eine jener Athletinnen, die von Saisonanfang bis -ende immer konstant ihre Leistungen gebracht haben. Deshalb habe ich Maria nie mit Doping in Verbindung gebracht. Hätte es Maria Mutola nicht gegeben, hätte ich mich im Training nie so gequält und verausgabt. Ich wollte ja immer aufholen, was mir auch gelungen ist. Sie war halt in den wichtigen Rennen immer um den Schritt voraus.

 

Fünf Jahre früher oder später wären Sie die Jahrhundertathletin gewesen.

Dann hätte es vielleicht diese Steffi Graf nicht gegeben. Dann hätte es auch nicht diese legendären Zweikämpfe gegeben, von denen die Leichtathletik lebt.

 

Sie haben Mutola oft geschlagen, nur nicht bei den wichtigen Rennen – bei der WM in Edmonton und bei den Olympischen Spielen Sydney.

Maria hatte mir eines voraus: Was ich immer erreichen wollte, WM-Gold etwa, hatte sie schon längst. Und ein Finale ist eine derart außergewöhnliche Stresssituation, die kann man nicht trainieren. Da war sie um das Quäntchen ruhiger. Diese Ruhe war am Ende ausschlaggebend.

 

Mit Mutola verbindet Sie offenbar mehr als eine große sportliche Rivalität.

Nach meiner Tumoroperation sind wir uns vor dem Finale bei der Hallen-WM 2003 in Birmingham auf der Toilette begegnet. Sie hat gesagt, dass sie sich freut, dass ich wieder dabei bin. Und das macht man kurz vor einem Wettkampf normalerweise nicht. Da spricht man nicht mit den Konkurrenten. Das war eine große Geste von ihr.

 

Was Mutola und Sie ebenfalls verbindet, sind Dopinggerüchte. Bei Ihnen ging es im Sommer 2003 los. Sie blieben dem WM-Finallauf in Paris fern, weil Sie sich im Hotel eine Scherbe eingetreten hatten. Im Jänner 2004 erklärten Sie für viele überraschend den Rücktritt...

Nebengeräusche hat es immer gegeben.

Als Sie vergangenen Herbst erklärt hatten, bei Humanplasma gewesen zu sein, wurden diese Nebengeräusche plötzlich sehr laut. Mussten Sie die Flucht nach vorn antreten?

Überhaupt nicht. Ich hatte weder etwas zu bereuen noch Druck von außen. Ich habe das freiwillig erzählt.

 

Aber warum?

Weil ich nichts dabei finde. Und ich mich dagegen entschieden habe.

 

Wenn Sie den Mund gehalten hätten ...

...wäre mir wahrscheinlich nichts passiert.

Warum sind Sie zu Humanplasma gegangen?

Weil ich neugierig war.

Haben Sie gewusst, dass sich dort auch andere Sportler Blut abnehmen lassen?

Nein, ich habe das von den Sportlern überhaupt nicht gewusst.

Verstehen Sie, warum man mehr als sechs Jahre nach Ende Ihrer Karriere ein Dopingverfahren einleitet?

Ich habe manchen Leuten das Schlimmste angetan, was man ihnen antun kann. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern haben sich nie viel leisten können. Ich habe ohne Hilfe, ohne Schub, nur mit meinem Sturschädel, mit Konsequenz und Willen Erfolg gehabt. Ich bin, auch zehn Jahre bevor ich überhaupt erste Erfolge hatte, zielstrebig meinen Weg gegangen. Ich glaube, dass viele nicht damit zurechtkommen, dass man etwas nur aus eigener Kraft schaffen kann.

Sie sprechen jetzt vom Neid...

Oft ist es den Leuten lieber, wenn jemand im Lotto gewinnt oder erbt. Aber– und das ist mir wichtig: So denken nicht die einfachen Menschen, die tagtäglich arbeiten gehen und etwas leisten. Die freuen sich nämlich mit mir. Die haben mit mir mitgefiebert, das sind meine Fans. Ich rede von Leuten, die zwar ein bisschen etwas tun wollen, aber nicht mit letzter Konsequenz, und dann neidig auf die anderen sind.

Wie gehen Sie mit dem Dopingverfahren um?

Mich tangiert das nicht mehr. Ich habe alles unter Eid bei der Staatsanwaltschaft gesagt. Die Nada hat das Protokoll. Ich weiß nicht, ob ich zu diesem Dopingverfahren hingehen muss oder nicht. Ich weiß aber eines ganz genau: Das alles kostet mich keine Nerven. Ich bin entspannt und gelassen. Denn ich kenne ja die Wahrheit. Und wenn jemand da etwas anderes daraus drehen will, dann kann ich das nicht verhindern.

Sie wollen sich nicht wehren?

Ich könnte mich aufreiben, aber ich sage: Das ist mir egal. Ich könnte mir darüber den Kopf zerbrechen, warum das alles nach so langer Zeit losgeht. Warum man so komplizierte juristische Bocksprünge vollzieht, um gegen mich ein Dopingverfahren einzuleiten. Aber ich habe das für mich abgehakt. Wenn jemand einem anderen Böses tun will, dann soll er es tun. Ich als Mensch bin anders und lebe glücklich damit. Irgendwann im Leben bekommt jeder einmal seine Rechnung präsentiert.

 

Aber viele werden sagen: Wer schweigt, stimmt zu.

Für jene Menschen, die Vorurteile haben, mag dies vielleicht zutreffen. Aber ich bin ein offener Mensch, ein total fröhlicher Mensch. Bei jenen Menschen, mit denen ich zu tun habe, geht es um die Persönlichkeit und die Ausstrahlung. Und das kann mir niemand nehmen. Ich gehöre halt zu jenen Menschen, die andere auf der Straße grüßen. Weil ich das als Höflichkeit empfinde. Und die Leute lachen mich an und grüßen zurück. Und das ist schön. So lebe ich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)