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Tschaikowsky: Der Mann, der im Sturm die Berliner gewann

Berliner Philharmoniker/Kirill Petrenko: „Peter Tchaikovsky, Symphony No. 6“
Berliner Philharmoniker/Kirill Petrenko: „Peter Tchaikovsky, Symphony No. 6“(c) Berliner Philharmoniker Recordings
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KritikDie CD zum Einstand Kirill Petrenkos bei den Berliner Philharmonikern: Ein Livemitschnitt von Tschaikowskys sechster Symphonie, ungemein transparent und völlig unverkitscht.

Der Übergang war fließend. Sir Simon Rattle ist schon in London, Kirill Petrenko absolviert noch ein paar Aufführungen in München. Aber demnächst ist der russische Maestro mit dem österreichischen Hintergrund Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, und die Musikwelt setzt große Hoffnung in ihn. Denn Petrenko ist eine der außerordentlichen Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens und hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Spitzenrang erobert, indem er sich vielen Verlockungen des Musikgeschäfts verweigert hat. Wo Kollegen landauf, landab Mahler- und Schostakowitsch-Symphonien dirigieren, um lauten Publikumsjubel und hymnische Kritiken zu ernten, zog Petrenko es vor, an stilleren Plätzen sein Repertoire solide auszubauen.

Er war Generalmusikdirektor in Meiningen und Chefdirigent der Komischen Oper in Berlin – und schlug die meisten Angebote der großen internationalen Orchester, die alle so neugierig auf Petrenkos Auftritte wie das Publikum geworden waren, in der Regel aus. Die Wiener Philharmoniker können ein Lied davon singen. Aber auch den Berlinern gab der Maestro einen Korb nach dem anderen, mit nur ganz wenigen Ausnahmen.

Diese Ausnahmen genügten, ihn nach nur drei absolvierten Programmen in der Philharmonie zum Nachfolger Rattles zu küren – die Musiker waren überzeugt, in diesem Dirigenten einen Mann gefunden zu haben, der ihnen neue Wege ebnen könnte, im klassischen Repertoire wie in kaum begangenem Territorium – nebst Mozart oder Beethoven dirigierte Petrenko in Berlin zu Beginn auch Symphonisches von Edward Elgar oder Rudi Stephan!

Für die Musikfreunde in aller Welt spannend: Auf der Streamingplattform der Berliner Philharmoniker kann man die Entwicklung der neuen Partnerschaft live mitverfolgen und auch nachschauen, wie es zu der bemerkenswerten künstlerischen Beziehung gekommen ist, denn die Programme stehen alle online (digitalconcerthall.com).

Da die Kommunikationsarbeit der Berliner vorbildlich funktioniert, nutzt sie auch die Möglichkeiten der Compact Disc, in Verbindung mit allen erdenklichen Downloadoptionen. Zum Einstand des neuen Chefs kam ein Livemitschnitt von Tschaikowskys Sechster Symphonie, der sogenannten „Pathétique“, als Mitschnitt eines Konzerts vom März 2017 in den Handel. Ihr ist auch ein Code mitgegeben, der dem Käufer ermöglicht, die Musikfiles nicht nur in CD-Qualität, sondern auch in HD-Auflösung (24 Bit/bis zu 192 kHz) herunterzuladen. Die außerordentliche, weil bei aller dramatischen Intensität ungemein transparente, völlig unverkitschte Wiedergabe des symphonischen Straßenfegers steht also nun auf allen Qualitätsstufen zur Verfügung. Effektiver kann man musikalische Exzellenz nicht verbreiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2019)