Schnellauswahl

Dominic Thiem auf der Jagd nach dem großen Coup

Dominic Thiem nimmt am Mittwoch Anlauf auf sein viertes French-Open-Halbfinale in Folge.
Dominic Thiem nimmt am Mittwoch Anlauf auf sein viertes French-Open-Halbfinale in Folge.(c) REUTERS (VINCENT KESSLER)

Dominic Thiem trifft im Viertelfinale der French Open am Mittwoch auf den hochbegabten Russen Karen Chatschanow. Der 23-Jährige gilt als Paris-Spezialist – und hat Thiem schon besiegt.

Die kleinen Tribünen des Court 4 im Stade Roland Garros sind gesteckt voll. Wer sich nicht rechtzeitig einen der begehrten Plätze gesichert hat, der wird am frühen Dienstagnachmittag freundlich, aber bestimmt von einem der Ordner abgewiesen. Dominic Thiem hat sich zum Training eingefunden. Natürlich sind die noch im Bewerb verbliebenen Spieler bei den French Open auch an spielfreien Tagen nicht untätig. Also feilt der Niederösterreicher eine Stunde lang an Vorhand, Rückhand, Volley, Aufschlag und Return, das volle Programm.

Auf der anderen Seite des Platzes steht Thiems Coach, Nicolás Massú. Der Chilene, 39, trifft den Ball immer noch richtig gut, manchmal werden der ehemaligen Nummer neun der Weltrangliste die Schläge seines Schützlings aber zu schnell, oder sie haben zu viel Topspin. Massú quittiert diese Schläge mit einem „very good“, das Publikum mit Applaus.
Massú ist nicht nur Coach, er ist auch Sparringpartner und Freund in Personalunion. Dieses Gesamtpaket hatte Thiems Langzeittrainer, Günter Bresnik, nicht zu bieten. „Es war der richtige Zeitpunkt für diese Veränderung“, bekräftigte Vater Wolfgang Thiem nochmals am Montag.
Nach der schweißtreibenden Einheit schreibt sein Sohn noch bereitwillig Autogramme und steht für Selfies zur Verfügung. Sie könnten noch an Wert gewinnen, wenn dem 25-Jährigen in Paris heuer der ganz große Coup gelingt.

Wer ist Karen Chatschanow?

Mit Karen Chatschanow trifft Thiem im Viertelfinale am Mittwoch (2. Spiel nach 14 Uhr, ab 15.35 Uhr live in ORF1) auf einen Star von morgen. Der 23-Jährige ist für die Spielervereinigung ATP ein wertvolles Testimonial der „NextGen“, also der nächsten Generation. Unabhängig vom Ausgang der Begegnung wird Chatschanow nach den French Open erstmals in die Top 10 einziehen, in Paris hinterließ der Rechtshänder speziell beim Achtelfinalsieg gegen Juan Martin del Potro einen starken Eindruck. Mit Aufschlag und Vorhand dominierte der Russe über weite Strecken das Spiel, mit der Rückhand agierte er grundsolide. Und für seine stattlichen 1,98 Meter Körpergröße bewegte er sich außerordentlich gut.

Karen Abgarowitsch Chatschanow, so lautet sein vollständiger Name, betritt in Roland Garros Neuland. Er steht zum ersten Mal im Viertelfinale eines Grand Slams, wirklich zu erwarten war das vor Turnierbeginn nicht, weil Chatschanows bisherige Saison einer mittleren Katastrophe glich. Gleich acht Erstrundenniederlagen pflasterten den Weg nach Paris, wo der Mann aus Moskau das Vertrauen in sein Spiel zurückerlangte. Dass just hier in Frankreichs Hauptstadt seine Schläge wieder an Präzision gewonnen haben, mag kein Zufall sein.

Vor sieben Monaten feierte Chatschanow beim Hallenturnier im Stadtteil Bercy, 13 Kilometer vom Stade Roland Garros entfernt, den bisher größten Erfolg seiner Karriere. Er bezwang mit John Isner (ATP 9), Alexander Zverev (ATP 5), Dominic Thiem (ATP 8/einziges Duell) und Novak Djokovic (ATP 2) gleich vier Top-10-Spieler in Folge.

Moskau, Split, Barcelona, Dubai

Chatschanow war schon in jungen Jahren ein Weltenbummler. Mit 15 ging er nach Kroatien, um in Split mit Vedran Martic, dem ehemaligen Coach von Goran Ivanisevic, zu trainieren. Drei Jahre später zog es ihn nach Barcelona zum spanischen Ex-Profi Galo Blanco, der einige Zeit auch als Touring Coach von Thiem fungierte. Mittlerweile bildet Chatschanow wieder mit Martic ein Erfolgsduo und wohnt in Dubai, das wiederum hat steuerlichen Gründe.

Thiem und Chatschanow , der gerne Schach spielt und klassische Romane schätzt, verbindet eine Freundschaft, die am Mittwoch, sofern der prognostizierte Regen ausbleibt, für einige Stunden ruhen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2019)