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Sport-Club: Wien schläft, ich laufe

Blick auf das Riesenrad um sechs Uhr morgens.
Blick auf das Riesenrad um sechs Uhr morgens.Julia Neuhauser

Die Frühaufsteherüberlegenheit ließ mich – und viele andere – um sechs Uhr sporteln.

Es ist Punkt sechs Uhr Morgen – und ich stehe im Prater. Es riecht noch nicht nach Langos, die Geisterbahn steht still, und es tönt auch keine laute Musik aus den Boxen. Eine ungewöhnliche Ruhe hat sich über dieses ansonsten so quirlige Fleckchen der Stadt gelegt. Die Stille wird nur von der Reinigungsmaschine, die vor dem Riesenrad auf und ab fährt, durchbrochen. Die Stadt schläft noch – und ich beginne zu laufen.

Auf der viel bejoggten Prater Hauptallee bin ich auch um diese Uhrzeit nicht alleine. Ich beginne die Frühaufsteher zu zählen. Bereits auf den ersten Metern kommen mir zwei plaudernde ältere Damen mit ihren Nordic Walking-Stöcken entgegen. Es folgen Spaziergänger, die ihre Hunde Gassi führen, Radfahrer, die in die Arbeit treten, und Läufer, die ihr erschöpfendes Intervalltraining absolvieren. Gar nicht so wenige Menschen scheinen in den Morgenstunden ihre (Sportler-)Freundschaft zu pflegen und kommen mir zu zweit entgegen. Bald bin ich über 50 Personen begegnet und vergesse weiter zu zählen. Ich genieße lieber die Morgenstunde. Die Vögel zwitschern, die Erdkröten quaken und in der Luft liegt etwas, das die Kollegen der deutschen „Zeit“ zuletzt so schön Frühaufsteherüberlegenheit genannt haben. Es ist keine Arroganz, sondern eine wohltuende Selbstzufriedenheit, die sich aus der Gewissheit, etwas geschafft zu haben, schöpft – und zwar bevor der Tag, also der alltägliche Trubel, losgeht. Man hat noch nichts verpasst. Man kann heute noch alles erreichen.

Der Morgen entscheide darüber, wie fokussiert und erfolgreich der Rest des Tages verläuft, war in dem „Zeit“-Artikel zu lesen. Deshalb seien diese Morgenroutinen bei Unternehmern und Promis gerade so angesagt wie Autos von Tesla. Die neuesten Autotrends lassen mich eher kalt. Der Morgensport kann aber selbst mich als geborene Langschläferin begeistern. Vielleicht werde ich im Sommer auch Ihnen, wenn Wien noch schläft, auf der Hauptallee begegnen.

E-Mails an: julia.neuhauser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2019)