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„Dark Phoenix“: So traurig zerbröselt das Team der „X-Men“

Mächtige Frauen: Sophie Turner als Mutantin Jean Grey und Jessica Chastain als Alien.
Mächtige Frauen: Sophie Turner als Mutantin Jean Grey und Jessica Chastain als Alien.20th Century Fox

Kritik
In „Dark Phoenix“ kämpfen die jungen Versionen der bekannten Mutanten gegen eine recht undefinierte böse Macht aus dem All. Dabei tun sich arge Schlaglöcher in der Logik der Reihe auf. Schade, denn visuell hat der Film einiges zu bieten.

Raven ist einer der interessantesten Charaktere aus der Mutantensaga „X-Men“. Die Frau mit der blauen Haut kann nicht nur ihre Gestalt wechseln, sondern hat auch ein gutes Sensorium für menschliche Schwächen. „Bitte sag mir, dass es hier nicht um dein Ego geht“, sagt sie im neuesten Film der Reihe zu Charles Xavier, als der es mit der Rettung der Menschheit übertreibt. Charles, als junger Mann schon das Mastermind der X-Men, ist aber von seiner späteren Weisheit noch weit entfernt und geht große Risken ein: Seine Schüler müssen Heldentaten vollbringen. Zum Wohle der Welt, die den Mutanten gut gesinnt sein soll.

Dass es zwischen Menschen und Mutanten nicht immer freundlich zuging, wissen die Fans der Reihe. „Dark Phoenix“ ist der insgesamt zwölfte „X-Men“-Film und das vierte Prequel, in dem die später arrivierten Helden und Antihelden noch nach ihrem Platz in der Welt suchen. In den ersten beiden Prequels gelang das gut. Schon das dritte, das in den 1980er-Jahren spielte, war deutlich schwächer. Die Geschichte im letzten Teil, in den 1990er-Jahren angesiedelt, hat in der Binnenlogik der Filmreihe aber arge Schlaglöcher.

 

Die schöne Heldin ist innerlich befallen

Schon die Bedrohung von außen nimmt dem Film psychologische Spannung. Denn es ist nicht das Anderssein der Mutanten, das Ängste schürt oder sie selbst leiden lässt. Es geht nicht um ihre Ausgrenzung oder die gekränkten Egos von Menschen, die gern die Krönung der Schöpfung wären. Nein, das Böse kommt diesmal aus dem All. Da geisterte es als Energie herum, der die schöne Jean Grey (gespielt von „Game of Thrones“-Star Sophie Turner) zu nahe kommt. Die Energie ergreift Besitz von ihr, als sie versucht, verunglückten Astronauten zu helfen. Diese Rettungsaktion (der US-Präsident hat für solche Fälle eine Standleitung ins Büro von Charles Xavier) war zu riskant. Außerdem sind arg hässliche Außerirdische, die sich problemlos in Menschen verwandeln können, an dieser Energie interessiert.

Jean Grey, die weibliche Hauptfigur, ausgestattet mit den höchsten telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten, ist also innerlich befallen und wird zudem verfolgt. Wobei der Konflikt, dass die mächtigste Figur zur Gefahr wird, noch interessant wäre, wenn sich hier nicht ein beinahe verächtlicher Umgang mit den bisherigen Filmen zeigen würde: Jeans Vorgeschichte wurde in einem anderen Teil („Der letzte Widerstand“) bereits gezeigt – nun bekommt sie eine völlig andere aufgesetzt. Auch passt das, was im Film geschieht, in keiner Weise zu ihrer späteren Entwicklung. Doch es gibt noch mehr Lücken: Da wird eine prominente Figur getötet, die in den zeitlich nachfolgenden Filmen eine wichtige Rolle spielt. Und die Abwesenheit des Helden Wolverine (üblicherweise gespielt von Hugh Jackman) wird nicht einmal angeschnitten.

 

Wieso heißt es nicht „X-Women“?

Das ist schade, denn visuell hat „Dark Phoenix“ einiges zu bieten. Nicht nur bei den hervorragend inszenierten Kampfszenen, in denen etwa Magneto eine U-Bahn aus der Erde brechen lässt. Auch die schauspielerische Leistung ist beachtenswert: Sophie Turner als Göttin der Wut, Jessica Chastain als ihre beinahe gelangweilte Gegenspielerin, James McAvoy als selbstgerechter Professor, Michael Fassbender als moralisch unschlüssiger Magneto und Jennifer Lawrence als zweifelnde Raven. Erstmals haben Frauen die tragenden Rollen, Männer braucht es eher für den Nahkampf. Irgendwann fragt Raven lapidar, weshalb die Truppe eigentlich noch „X-Men“ heißt und nicht „X-Women“.

Bleibt die Frage, warum der Film sein Potenzial nicht nutzte. Man legte nicht wie zuvor Wert auf Kontinuität, Charakterentwicklung oder zumindest eine nachvollziehbare Handlung, ließ das X-Men-Team traurig zerbröseln. Dabei war Regisseur Simon Kinberg schon seit 2005 als Produzent und Drehbuchautor dabei. Schon im Vorfeld wurde bekannt, dass es bei „Dark Phoenix“ exzessive Nachdrehs gegeben hatte und das Ende quasi noch einmal neu gedreht worden war. Mit einer der größten Übernahmen in Hollywood soll das nichts zu tun haben: dem Kauf von 20th Century Fox – mitsamt der Rechte an den „X-Men“ – durch den Marvel-Mutterkonzern Disney. Wie auch immer: Man wollte die Reihe zum Abschluss bringen, das ist geschehen. Nun kann es in der Disney-„X-Men“-Ära einen völligen Neustart mit anderen Darstellern geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2019)