Ein großer deutscher Fußballspieler hängt seine Schuhe an den Nagel. Mit Jens Lehmann verlässt ein unbeirrbarer Irrer, ein unverwüstlicher Wüstling das Spielfeld.
Wien. Zu Jens Lehmann schrieb „Die Zeit“: „Er führte den Strafraum der Nationalmannschaft wie sein Geschäft, mit dem Mutterkonzern nur lose und aus rasendem Eigeninteresse verbunden.“ Der 40-jährige Torwart absolvierte am Samstag sein letztes Spiel als Profifußballer. Das 1:1 seiner Stuttgarter gegen Hoffenheim bedeutete für die Schwaben den sechsten Tabellenrang und einen Platz in der Europa League. Zur Halbzeit der Saison hätte keiner einen Cent auf Stuttgart gesetzt. Abgeschlagen auf Rang 15, punktegleich mit Bochum, das nun abgestiegen ist. Dann kam Christian Gross und mit dem Schweizer Trainer der Erfolg. Stuttgart war die beste Mannschaft der Rückrunde. „Das war ein versöhnliches Ende“, meinte Lehmann nach seinem letzten Spiel und fügte hinzu: „Es ist jetzt game over.“
Lehmann ist es gewohnt, dass alle Blicke auf ihn gerichtet sind. Auch nach dem Spiel, als er zuerst mit seiner Familie und dann mit der Mannschaft feierte. Lehmann ist immer für eine Story gut. Lehmanns Aussetzer sind legendär. Heuer kassierte er 40.000 Euro Strafe, weil er in der Öffentlichkeit die Entlassung von Trainer Babbel kritisiert hatte. Im Spiel gegen Hannover legte er sich mit einem Balljungen an, während des Europacup-Spiels gegen Unirea Urziceni pinkelte er hinter eine Werbebande, und gegen Mainz sah er Rot, nachdem er Stürmer Bancé niedergetreten hatte. „Es war immer interessant mit ihm. Er stand für Top-Leistungen und für das eine oder andere Kuriose“, sagte Stuttgart-Manager Horst Heldt.
Lehmann hat fast alles erreicht in seinem Fußballerleben. Mit Schalke gewann er den Uefa-Pokal, mit Dortmund wurde er deutscher Meister, mit Arsenal gewann er die englische Meisterschaft und mit der Nationalmannschaft 2006 sogar die Herzen der Fans, als er im Viertelfinale gegen Argentinien im Elfmeterschießen zweimal zur Stelle war. Beim Sommermärchen schloss Lehmann auch seinen Frieden mit Oliver Kahn, seinem ewigen Torhüterrivalen.
Lehmann verlässt die Sportbühne. Er war ein großer Schauspieler, auch wenn Fußball für ihn kein Spiel war. „Seine Ausraster waren fast noch absurder, unvorhersehbarer als jene Kahns. Lehmann hatte selbst in seinen Adrenalinmomenten so etwas wie einen Amokschalk im Nacken, eine gewisse selbstzerstörerische Grazie“, schreibt „Die Zeit“.
Diesen Amokschalk lies er bereits als junger Torwart bei Schalke raus. 1993 wurde er beim 1:5 gegen Leverkusen ausgetauscht. Lehmann hatte gepatzt. Doch nicht etwa, dass er reumütig in der Kabine wartete. Er fuhr mit der S-Bahn nach Hause.
Historisches Kopftor
1997 war er der erste Tormann in Deutschland, der aus dem Spiel ein Tor schoss. Per Kopf erzielte der Verrückte gegen Dortmund in letzter Sekunde den Ausgleich zum 2:2. Auch das ist eine Facette des verrückten Lehmann. In Erinnerung bleiben wird aber auch der Wüstling. Jener, der im Dress von Borussia Dortmund den Rostocker Timo Lange am Haar übers Feld schleift. Jener, der mit Arsenal das Champions-League-Finale erreicht, aber dort gegen Barcelona nach 18 Minuten Rot sieht.
Lehmann wird den Fußballfans abgehen, wie ihnen Kahn abgeht. Das mag jetzt gemein klingen und ist doch milde im Vergleich zum Attest der „Zeit, die über die beiden Torhüter schrieb: „Sie verhielten sich zu ihren Mannschaftskollegen wie knurrende deutsche Schäferhunde zu ihren Schafen, und manche deutschen Verteidiger fürchteten sich mehr vor dem Irren in ihrem Rücken als vor den anstürmenden Gegnern.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2010)