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Talare und fliegende Hüte: Ein Hauch US-Tradition in Wien

(c) Webster
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Die Webster University Vienna ehrte am Wochenende 116 Absolventen in US-amerikanischer Hochschulmanier. Ein Lokalaugenschein.

Samstagmorgen im Wiener Konzerthaus. Vor dem Spiegel im Foyer zupft sich ein Student im langen Gewand noch rasch die Haare zurecht, eine junge Frau läuft nervös telefonierend in Stöckelschuhen in der Halle auf und ab. Es herrscht angespannte Stimmung. In nur wenigen Stunden wird 116 Absolventen der Webster University Vienna während der „29. Graduation Day“-Zeremonie ihr Abschluss ganz nach US-Hochschultradition verliehen. Die englischsprachige Privatuni mit internationaler Ausrichtung bildet derzeit 550 Studierende aus 70 Ländern aus und ist die einzige Hochschule in Österreich, die auch in den USA akkreditiert ist.

In den Umkleidesälen im dritten Stock wird einigen Studenten die „Regalia“ angelegt. Diesen traditionellen schwarzen Talar mit Kapuze und einen viereckigen Hut mit Quaste, das „Mörtelbrett“, tragen alle Absolventen, Professoren und Ehrengäste, die heute die Bühne betreten. „Die jahrhundertealte Kleiderordnung stammt ursprünglich aus Europa und sollte damals Standesunterschiede verbergen“, so Sprecherin Petra Adams. Heute erkennt man an der Ärmelform, den Farben der Kapuze und der Quaste akademische Rangordnungen.

 

Eine strenge Choreografie

Einige Absolventen finden sich vor der Zeremonie für letzte Gruppenfotos zusammen. Während manchen das dekorative Lächeln schwerfällt, schießen andere ganze Fotostrecken. Die Generalprobe beginnt: Die Studenten stellen sich in alphabetischer Reihenfolge auf. Allen voran Direktor Arthur Hirsh und eine Studentin, die eine blau-gelbe Flagge mit dem Universitätswappen trägt. Es ertönt die Siegeshymne „Pomp and Circumstance“ von Edward Elgar – und jeder Studenten wird einzeln aufgerufen.

Die strenge Choreografie erfordert Multitasking: Jeder Studierende soll mit der rechten Hand den Uni-Rektor Arthur Hirsh begrüßen, während er von links die Auszeichnung entgegennimmt und dabei in die Kamera lächelt.

Blamieren möchte sich keiner: Familien aus der ganzen Welt sind heute angereist. So wie bei Allison Snowden. Die 25-jährige Kanadierin ist mit der Notenpunktzahl von 3.97 – bei möglichen 4.0 – die Jahrgangsbeste. Heute wird auch ihr soziales Engagement honoriert. „Dieser Tag ist der Anfang eines neuen Lebens. Es ist fantastisch, du siehst auf einmal, was du zustande gebracht hast.“ Snowden absolviert gerade ein Praktikum bei der International Atomic Energy Agency, in einem Programm, das sich der Behandlung von Krebs in Entwicklungsländern widmet.

Inzwischen haben sich auch die Gäste im Mozartsaal eingefunden, alles beginnt von Neuem. Nach einer Begrüßungsrede werden Ehrenauszeichnungen vergeben: Anthony Löwstedt ist von seinen Studenten zum dritten Mal zum beliebtesten Professor gewählt worden. Ehrengast Kandeh Yumkella, Generaldirektor der UN-Organisation für industrielle Entwicklung der Unido, referiert über Klimawandel und Nachhaltigkeit.

Nachdem die Jahrgangsbesten ihre Reden gehalten haben, holen sich die Studenten auf der Bühne nacheinander ihre Auszeichnung ab. Schließlich der große Moment. Der Rektor fordert sie alle auf, die Hutquaste von rechts nach links zu legen und ruft laut: „Officially graduated.“ Jetzt dürfen sich die Studenten ordnungsgemäß als „Graduates“ bezeichnen.

Jubelschreie, Applaus und fliegende Hüte beenden die Zeremonie. Zu Vivaldis „Der Frühling“ verlassen alle den stickigen Saal. Am Abend steht mit einem Abschlussball bereits der nächste Event an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2010)