Die Welt, ein großes Fragezeichen

Im Licht der Abendsonne: Jongsu (Yoo Ah-in), Haemi (Jun Jong-seo) und Ben (Steven Yeun).
Im Licht der Abendsonne: Jongsu (Yoo Ah-in), Haemi (Jun Jong-seo) und Ben (Steven Yeun).(c) Polyfilm

In „Burning“ weitet der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong eine Kurzgeschichte Murakamis zum sozialdiagnostischen Mystery-Thriller aus. Ein großer Film.

Sicher, schrieb Joachim Ringelnatz, ist nur, dass nichts sicher ist – und selbst das nicht. Das Leben kennt keine Gewissheiten. Umso mehr suchen wir sie in der Fiktion. Es liegt eine Genugtuung darin zu wissen, wer der Mörder ist, wo der Schatz vergraben liegt, warum der Mann die Frau verlässt oder die Frau den Mann. Insgeheim ist uns klar, dass es sich dabei nur um Annahmen handelt. Doch es sind angenehme Annahmen. Sie bringen Ordnung ins Gefühlsgewirr, beruhigen die Nerven, retten uns vor dem Abgrund der Unsicherheit.

Je komplexer die Welt erscheint, umso weiter klafft dieser Abgrund. Kein Kinderspiel, ihm ästhetisch Ausdruck zu verleihen. Die Literatur tut sich leichter damit als das Kino. Ab und zu gelingt es auch der siebten Kunst: etwa Coppolas Paranoia-Klassiker „The Conversation“ oder einigen Arbeiten Polanskis. Doch selten wurde Unsicherheit mit all ihren Ursachen, Wirkungen und Nebenwirkungen – politisch, sozial, existenziell – so eindringlich auf der Leinwand gefasst wie in Lee Chang-dongs Film „Burning“.

2018 hatte er in Cannes Premiere. Seine Gestalt ist die eines Mystery-Thrillers, seine Handlung schlicht. Jongsu, ein junger Tagelöhner (Yoo Ah-in), trifft zufällig auf Haemi (Jun Jong-seo), eine alte Mitschülerin. Leidenschaft keimt, eine kurze Affäre, vielleicht sogar mehr. Nur: Nach einer Afrika-Reise hat Haemi eine neue Bekanntschaft im Schlepptau. Er heißt Ben und hat alles, was Jongsu fehlt: Selbstbewusstsein, Charme, Humor, Status, Geld. Dabei strahlt er eigentümlichen Gleichmut aus, sein joviales Lächeln ist schwer zu deuten. Beruf? „Ich spiele“, lautet die lakonische Replik – Arbeit und Spiel seien heute ja dasselbe.

 

Ist es nur ein Kopfkrimi?

Ben, der mysteriöse Bonvivant (verstörend souverän: „Walking Dead“-Star Steven Yeun) fasziniert Jongsu. Und als Haemi plötzlich spurlos verschwindet, gärt in ihm die Überzeugung, dass Ben etwas damit zu tun haben könnte. Die Indizien mehren sich. Doch ist der Verdacht wirklich begründet? Könnte es sein, dass Jongsu, der schriftstellerische Ambitionen hegt, bloß einen Kopfkrimi spinnt, weil er die ideale Projektionsfläche für seinen Frust gefunden hat? Virtuos hält Lee die Antwort in der Schwebe. Gespannt folgt man Jongsus Nachforschungen, steigert sich in seinen Argwohn hinein, wittert Übles hinter Bens gelassener Fassade. Und dann fällt einem auf, dass es keine wirklichen Gründe gibt, Jongsus Mutmaßungen Glauben zu schenken, dass man nur den Suggestionen der filmischen Perspektive – und der eigenen Fantasie – anheimgefallen ist. Ein klarer Fall. Ganz bestimmt. Oder ist letztlich doch was dran an der Sache?

 

Der Regisseur war kurz Kulturminister

Warum die Vorstellungskraft des Protagonisten immer dunklere Blüten treibt, wird einem im Lauf des Films immer klarer. Die nahtlose Verflechtung von Genre, Naturalismus und präziser psychosozialer Diagnostik ist seit jeher eine Kernqualität des schmalen, aber formidablen filmischen Œuvres des 65-jährigen Lee, der in Südkorea als Dramatiker und Romanautor bekannt ist, kurz sogar Kulturminister war. Hier skizziert er beiläufig und unaufdringlich das Porträt einer in ihren Grundfesten gespaltenen Gesellschaft, die Kurzgeschichte von Haruki Murakami dient nur als grobes Gerüst.

Während Jongsu sich abmüht, den heruntergekommenen Provinzbauernhof seines Vaters am Laufen zu halten, schwebt Ben in seinem Designerpenthouse über den Dingen: ein Mann von Welt, der überall und nirgendwo zu Hause ist, für den die Regeln, die das Leben des Durchschnitts beherrschen, nicht zu gelten scheinen. Einmal erzählt er unvermittelt von seinem liebsten Zeitvertreib: verwahrloste Gewächshäuser abfackeln. Die Polizei kümmere das nicht: ein Schandfleck weniger.

Die Kluft, die sich durch „Burning“ zieht, lässt sich nicht an Einzelheiten festmachen. Sie geht tiefer, äußert sich in Lebensräumen, Verhaltensmustern und Denkweisen, selbst im Habitus: Während Jongsu zur Begrüßung einen kleinen Kotau macht, reicht Ben herzhaft die Hand. Dass es keine symbolischen Grenzen zwischen ihren Paralleluniversen gibt, steigert den Eindruck eklatanter, nahezu metaphysischer Ungleichheit nur.

Im Detail schildert „Burning“ südkoreanische Verhältnisse. Doch seine Motivik ist universell. Hier geht es um Stadt-Land-Klüfte, Verschwörungstheorien, Sexismus, um einen jungen Mann mit Wut im Bauch, der sich fragt, wer die Schuld an seiner persönlichen Misere trägt, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, sich vor Ohnmacht und Ungewissheit in Fiktionen flüchtet und auf seine Weise radikalisiert. Oder auch nicht. Denn bis zum Schluss lässt dieser vor Spannung schwelende Film unterschiedliche Lesarten zu. Und seine letzte Plansequenz brennt sich ins Gedächtnis wie ein großes, schmerzhaftes Fragezeichen.