Bitte befolgen Sie die Parmesanregel

Vielleicht stehen Sie gerade im Stau. Vielleicht auch nicht, weil Sie, um ihn zu vermeiden, früher, später oder gar nicht weggefahren sind.

Es ist die alte Frage, auf die es keine richtige Antwort gibt: Soll man sich sehenden Auges in absehbares Ungemach begeben oder ausweichen, um nachher vielleicht festzustellen, dass es gar nicht so schlimm kam?

Es hat schon ganze Generationen geprägt, mitten in der Nacht in den Urlaub aufzubrechen, um dem Verkehr auszuweichen. Das machten dann so viele andere auch, dass es sich erst recht staute. Was soll man auch tun, wenn einen die Sehnsucht in den Süden treibt, man kann doch Italien nicht einfach allen anderen überlassen.

Vor lauter Liebe zu allem Italienischen übersieht man die Qualen, die Italiener wegen unserer hilflosen Nachahmungsversuche erleiden müssen. Wir beleidigen vor allem ihr Gefühl für Ästhetik. In allen Belangen. Unlängst hatte die italienische Kollegin Tränen in den Augen, als sich jemand Parmesan über seine Pasta mit Lachs hobelte (immerhin war es kein Käse aus dem Sackerl). Die Parmesanregel nicht zu kennen ist schlimmer, als Spaghetti Bolognese (al ragú!) zu bestellen oder Cappuccino nach dem Essen.

Natürlich hütet jedes Land seine identitätsstiftenden Dinge. Auch Franzosen leiden wohl, wenn sich jemand an ihrem Essen vergreift, aber sie gehen wahrscheinlich ohnehin davon aus, dass es niemand richtig hinkriegt. Und wie ist das in Österreich? Man bekämpft sich lieber gegenseitig und lässt die anderen in Ruhe dilettieren. Ein Wiener Schnitzel in Deutschland wird eher mild belächelt, als dass es Verzweiflung auslöst. Aber zwischen Wien und der Steiermark brechen riesige Gräben auf, wenn es etwa um die Marinade von Erdäpfelsalat geht. Ein Streit über Kernöl gegen Rindsuppe kann Freundschaften zerstören. Dabei ist doch völlig klar, dass eine Küche ohne Hesperidenessig noch nicht völlig ausgereift ist.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2019)