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Damentennis: Die totale Unberechenbarkeit

TENNIS-FRA-OPEN-WOMEN
APA/AFP/PHILIPPE LOPEZ

Ashleigh Barty und Markéta Vondrousova bestreiten am Samstag das Finale in Roland Garros. Das mag überraschend sein, ist es aber nicht. Denn Prognosen sind längst unzulässig, echte Favoritinnen gibt es nicht mehr.

Die Damenkonkurrenz der French Open erlebt am Samstag (15 Uhr, live Eurosport, ORF Sport Plus) ein Finale, mit dem vor Turnierbeginn nicht zu rechnen war. Oder etwa doch? Es ist mittlerweile keine Überraschung mehr, dass es im Damentennis Überraschungen gibt. Jedenfalls stehen mit Asleigh Barty und Markéta Vondrousova die Nummern acht und 38 der Weltrangliste im Endspiel, das bloß auf dem Papier mit Barty eine leichte Favoritin kennt.

Das Halbfinale der Australierin gegen die 17-jährige Teenager-Sensation Amanda Anisimova veranschaulichte die totale Unberechenbarkeit des Damentennis. Im ersten Satz war Barty mit 5:0 in Führung gelegen, hatte bei 15:40 und Aufschlag ihrer Gegnerin zwei Satzbälle. Die 23-Jährige aus Ipswich in der Nähe der Ostküstenstadt Brisbane führte also komfortabel, es fehlte ihr nur ein einziger Punkt zum Satzgewinn – er wollte nicht gelingen. Anisimowa gewann Satz eins tatsächlich noch im Tiebreak, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Eigentlich.

„Frauen denken anders, sie können mit Druck schlechter umgehen als Männer. Es ist zwar spannend, dass zu bei den Damen wirklich nie weißt, wer die großen Turniere gewinnt, aber ich würde mir etwas anderes wünschen“, hatte die ehemalige österreichische Top-Spielerin Barbara Schett-Eagle vor wenigen Tagen in einem „Presse“-Interview in Paris erklärt.

Verblüffendes aus Paris

Vom 2:4-Rückstand im Tiebreak bis zur 3:0-Führung im zweiten Satz gelangen Anisimowa 17 (!) Punkte in Folge. Doch was passierte dann? Barty gewann ihrerseits sieben Games en suite, holte sich Satz zwei mit 6:3. Der Entscheidungssatz verlief in geregelten Bahnen, am Ende hieß es 6:7 (4), 6:3, 6:3 für Barty. Paris sieht am Samstag auf jeden Fall ein neues Grand-Slam-Siegergesicht, weil weder Barty noch die Tschechin Vondrousova (7:5, 7:6 gegen die Britin Johanna Konta) zuvor in ein Major-Finale eingezogen waren.

Zahlen verblüffen immer wieder, die folgenden ganz besonders. Die vier Halbfinalistinnen hatten vor den diesjährigen French Open zusammen drei (!) Matches in Roland Garros gewonnen. Zum Vergleich: Bei den Herren brachten es Rafael Nadal, Roger Federer, Novak Djoković und Dominic Thiem auf 232 Siege. Titelverteidigerin Simona Halep, die Rumänin war im Viertelfinale an Anisimowa gescheitert, sagte über die Unberechnbarkeit und Ausgeglichenheit im Damentennis: „Mich überrascht gar nichts mehr.“

Vor den Halbfinals am Freitag hatte die Spielerinnenvereinigung WTA die Ansetzung der beiden Matches kritisiert. Ursprünglich hätten die Partien am Donnerstag auf dem Court Philippe-Chatrier, dem größten Platz der Anlage, gespielt werden sollen. Weil am Mittwoch aufgrund des Schlechtwetters aber keine Matches zur Austragung kamen und die Prognosen für Freitag ungünstig waren, wurden die Spiele am späten Freitagvormittag auf dem zweit- beziehungsweise drittgrößten Court der Anlage gespielt. „Die vier Frauen haben das Recht, auf der größten Bühne zu spielen“, klagte WTA-Chef Steve Simon. Das Finale wird jedenfalls am Court Philippe-Chatrier in Szene gehen.

("Die Presse", Printausgabe 8.6.2019)