Jausengegner a. D.

Parteichef Kogler klug war genug,  jeden Anflug von Selbstmitleid zu vermeiden.
Parteichef Kogler klug war genug, jeden Anflug von Selbstmitleid zu vermeiden.APA/BARBARA GINDL
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Auch wenn die SPÖ nichts davon hören will: Die Grünen könnten sich als ernsthafte Rivalen entpuppen. Denn im Traditions-Match Rot gegen Blau gibt es für die SPÖ nicht allzu viel zu gewinnen.

Wenn Journalisten Mitleid bekommen, brennt der Hut. Dass bald keiner mehr so recht Lust auf einen SPÖ-Verriss hat, ist insofern also kein gutes Zeichen.

Eines von vielen. Ein weiteres setzte Pamela Rendi-Wagner Freitag in der „ZiB 2“, als sie die Frauenkarte zog. Wäre sie ein Mann, hätte es keine derartigen Diskussionen in der Partei um ihre Person und Entscheidungen gegeben, sagte sie. Und hat recht. Dass Frauen in der Politik anders wahrgenommen werden, ist empirisch belegt. (Das Berliner Max-Planck-Institut etwa ließ dieselbe politische Rede von einer Frau und einem Mann vortragen. Dem Mann wurde durchwegs mehr Überzeugungskraft zugesprochen, auch von Frauen.) Dass angesichts all der vielen offenkundigen taktischen Fehler der SPÖ deren Chefin aber gerade darauf rekurriert, zeugt, nun ja, von einer gewissen Ausweglosigkeit. Nur diese (oder Dummheit) erklärt übrigens auch die Aktion eines Wiener SPÖ-Pressesprechers, der dem „Kurier“ (schriftlich!) drohte, weil dieser über einen taktischen Linksruck in der SPÖ berichtete.

Dabei stimmt es, dass der SPÖ Gefahr von links droht. Und zwar schlicht deshalb, weil es rechts weniger zu holen gibt als post Ibiza angenommen. Die EU-Wahlen haben gezeigt, dass a) das heimatlose, blaue Stimmenerbe überschaubar ist (die FPÖ-Wähler entpuppten sich als schmerzbefreit) und dass es b) wenn, dann der ÖVP gehört. Denn Rendi-Wagner ist nicht der Typ, der das blaue Lager anspricht, und beim Thema Migration ist die SPÖ zu spät dran. Das gilt auch für das zweite große, das „linke“ Thema: den Klimawandel. Das gehört den Grünen. Und zwar zu Recht. Nach vielen Jahren, in denen alle anderen gegähnt haben, sobald das Wort Klima fiel, ernten sie die Früchte ihrer Beständigkeit. Dass die Grünen damit bei den Jungen punkten, schmerzt die SPÖ. Umso mehr, als die (Stadt-)Jugend heute mehr Einfluss darauf hat, was Mama und Papa wählen (vielleicht auch Oma und Opa, obwohl die tendieren – für die SPÖ auch bitter – zur ÖVP). Die Grünen haben zudem den Vorteil, dass man ihnen den Erfolg gönnt. So etwas ist in der Politik selten. Aber man hat ihnen ja auch lang genug beim Leiden und Bessern zugesehen, wobei Parteichef Kogler klug genug war, jeden Anflug von Selbstmitleid zu vermeiden, und lieber Underdog-Optimismus versprühte. Auch die kurze Absenz vom Parlament war nicht nur schlecht. Sie entrückte die Grünen dem Politikgetriebe. In diesen Zeiten kein Fehler. Auch das Klima-Thema glänzt unpolitisch: Wer die Grünen wählt, wählt die Weltrettung. Oder so. Und noch etwas hilft: das schlechte Gewissen. Jener Grün-Affinen, die 2017 für Pilz oder die SPÖ gestimmt haben, „um Schwarz-Blau zu verhindern“. Was folgt, wenn die Grünen diese „Leihstimmen“ retour bekommen? Koalition? Bei den erfolgreichen deutschen Grünen hört man bisweilen eine Scheu vorm Regieren heraus. Das ist nicht nur Koketterie. Was werden die jungen Fans sagen, wenn die Klimawende nicht sofort kommt? Und wie geht sich das in der Praxis aus – Klima, soziale Gerechtigkeit und Migration? Kurz: Auch Grüne kennen rote Probleme. Aber bis man sie sieht, dauert es – bis nach der Wahl.


ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2019)

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