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„Worauf wir hoffen“: Der Kampf um den Platz im Leben

Die Rebellion der jungen Generation hat bei Fatima Farheen Mirza viele Gesichter.
Die Rebellion der jungen Generation hat bei Fatima Farheen Mirza viele Gesichter.Jürgen Frank
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Fatima Farheen Mirza arbeitet in ihrem Debütroman ihre Familiengeschichte auf: strenggläubige indische Muslime vor US-amerikanischem Hintergrund.

Es gibt Tage, an denen alles ans Licht kommt. Was verheimlicht wurde, wird ausgesprochen. Was im Verborgenen lag, wird sichtbar. Es sind Tage, an denen die Vergangenheit endet, damit die Zukunft beginnen kann. Ein solcher Tag ist Hadias Hochzeit. Sie ist der Kulminationspunkt im Leben einer ganzen Familie. Und der Ausgangspunkt von Fatima Farheen Mirzas Debütroman „Worauf wir hoffen“.

Hadia ist die älteste von drei Geschwistern und lebt mit ihrer Familie in Kalifornien. Die Eltern Rafik und Laila, Einwanderer der ersten Generation, sind strenggläubige indische Muslime und erziehen ihre Kinder nach den strikten Regeln ihrer Gemeinde. Es ist eine Welt, in der die Ehen arrangiert werden und es bei Feierlichkeiten getrennte Räume für Männer und Frauen gibt. Der Alltag der Kinder dreht sich um Fleiß in der Schule, Gehorsam gegenüber den Eltern und Hingabe an Gott. Es gibt keine Freundschaften mit nicht muslimischen Kindern und schon gar keine mit dem anderen Geschlecht.


Brave Töchter, rebellischer Sohn. Während Hadia und ihre Schwester Huda die Regeln artig befolgen und ihr Bestes tun, um den Vorgaben der Eltern gerecht zu werden, nimmt ihr jüngster Bruder Amar schon früh die Rolle des Außenseiters ein. Unfähig, sich in dem vorgegebenen Rahmen zu bewegen, testet er alle möglichen Grenzen aus. Er schwänzt Schulstunden, raucht und trinkt, rebelliert gegen den Vater. Und trifft sich mit seiner ersten großen Liebe. In der Familie fühlt er sich fremd, in diesem Haus, in dem „Stille herrscht, weil alles verboten ist – laute Musik, Widerworte, T-Shirts mit aufgedruckten Band-Logos“.

Stets ist es Hadia, die Amar in Schutz nimmt, wenn er wieder einmal Probleme macht. Gleichzeitig bringt er sie mit seinem Verhalten an ihre persönlichen Grenzen, weil er sie stets an den latent vorhandenen Gedanken erinnert, dass auch für sie ein anderes Leben möglich ist. Selten sind die Momente, in denen sie, wie Amar, ihr Heim bewusst als eine Festung wahrnimmt, „die sie nur verlassen können, um zur Schule oder in die Moschee zu gehen oder zu einer befreundeten Familie, die ihre Sprache spricht“.


Flucht in die Abhängigkeit. Weil ihr der Mut fehlt, selbst Widerstand gegen den Vater zu leisten, begeht Hadia schließlich einen Verrat an ihrem Bruder, der mitbestimmend für sein Schicksal wird. Unverstanden und der Hoffnung auf ein Leben mit seiner großen Liebe beraubt, bricht Amar schließlich mit seiner Familie und taumelt in ein Leben voller Alkohol und Drogen. Und Hadia, die sehr zum Stolz ihrer Eltern nach der Schule Medizin studiert, beginnt langsam, ihr eigenes Leben zu leben. Ihre Hochzeit wird zu ihrem Befreiungsschlag, weil sie es schafft, den Mann ihrer Wahl zu heiraten – der zwar Muslim ist, aber nicht aus Haiderabad stammt und auch kein Urdu spricht.

Fatima Farheen Mirza arbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte auf. Der Originaltitel der amerikanischen Ausgabe trifft dessen Essenz dabei ungleich besser als der Titel der deutschen Ausgabe: „A place for Us“. Ausgehend von Hadias Hochzeit, bei der auch Amar wieder auftaucht, erzählt die 28-jährige Autorin dem Leser einzelne Episoden aus der Familienvergangenheit. Detailliert, einfühlsam und voller Tiefgründigkeit seziert sie innere Konflikte, die entstehen, wenn die eigenen Wünsche und Träume auf die widersprüchlichen Einflüsse von Familie und Gesellschaft treffen. Und obwohl sich die Familienmitglieder alle liebend gegenüberstehen, bleibt jeder in seinem Verhalten gefangen. Die Unausweichlichkeit, die daraus resultiert, macht den Roman tragisch und gleichzeitig tief berührend.

Neu Erschienen

Fatima Farheen Mirza
Worauf wir hoffen

Übersetzt von Sabine Hübner
dtv
480 Seiten
24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2019)