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Die Magie der künstlichen Intelligenz

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Sich als Mensch vor künstlicher Intelligenz zu fürchten, ist wie sich als Torschützen-König vor dem Elfmeter zu fürchten. Ein Gastkommentar von Michael Zettel, Country Managing Director von Accenture Österreich.

Unser Wirtschaftswachstum wird im Jahr 2035 drei Prozent betragen – vorausgesetzt, wir setzen künstliche Intelligenz klug ein. Bliebe es beim bisherigen technologischen Niveau, läge das Wachstum bei nur 1,4 Prozent. Diese Rechnung zeigt eindrucksvoll die Macht und die Möglichkeiten von KI. Wie kommen wir auf diesen Betrag? Das Szenario geht von einer Steigerung der Produktivität der Beschäftigten um 30 Prozent aus.

Technologien, Verfahren & Methoden

Die Basis der KI ist eine Kombination neuer Technologien, Verfahren und Methoden. Dazu zählen Machine Learning, Natural Language Processing und virtuelle Assistenten, kognitive robotergesteuerte Prozessautomatisierung, Bild- und Video Analytics und vieles mehr.

Heute verarbeitet KI Informationen aus Dokumenten, sucht für Konsumenten passende Produkte heraus, unterstützt Verkaufsberater beim Kundenservice oder hilft Fahrzeuge zu steuern.

Alle diese Tätigkeiten unterstützen uns – sie helfen dabei, dass wir weniger Routinetätigkeiten erledigen müssen und uns auf die wesentlichen und interessanten Dinge in der Arbeit und im Leben konzentrieren können. Der Arzt wird für den Patienten freigespielt, der Manager fürs Entscheiden oder für das Mitarbeitergespräch.

Veränderung statt Verringerung

KI wird gern als der Jobkiller hochstilisiert. KI ist kein Jobkiller. KI schafft Jobs, neue Jobs, interessantere Jobs. Unbestritten wird es zu einem tiefgreifenden Wandel des Arbeitsmarktes kommen. Doch anders als in der aktuellen Debatte wird die größte Auswirkung nicht in der Verringerung von Arbeitsplätzen bestehen, sondern in der Veränderung von Arbeitsinhalten. Projektbasierte und kreative Arbeiten nehmen zu, während man dem „Co-Arbeiter Maschine“ zeitgleich Routineaufgaben überträgt. KI automatisiert Aktivitäten, nicht Jobs. Entsprechend sieht eine Studie des Instituts für Höhere Studien lediglich neun Prozent der Arbeitsplätze in Österreich durch Automatisierung in Gefahr – das ist ein geringerer Wert als die Prognose der OECD von 14 Prozent für Industrieländer. Zugleich können durch erfolgreiche Digitalisierung zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen. Dies war auch schon in der „guten alten Zeit“ so: Technologische Neuerungen haben Ressourcen freigesetzt. Die damit verbundenen Innovationen haben stets zu mehr Arbeitsplätzen geführt.

Als Gesellschaft, Unternehmen und jeder Einzelne haben wir die Aufgabe in diesem Wandel jene Fähigkeiten zu entwickeln, die im KI-Zeitalter gebraucht werden und die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine ermöglichen. Lebenslanges Lernen wird vom Nice-to-have zum Must-have.

Wenn die Produktivität der Beschäftigten in Österreich um 30 Prozent steigt, wird jeder Wirtschaftszweig davon profitieren. Manche Sektoren profitieren mehr als andere. Die Spitzenreiter sind die Industrie, der Handel und die Landwirtschaft. Dies hat besondere Relevanz, weil die Produktion und der Handel zwei Sektoren sind, die neben ihrem hohen KI-Potenzial einen bedeutenden Anteil an der gesamtösterreichischen Bruttowertschöpfung aufweisen.

KI ist meiner Meinung nach ein Enabler, wenn und nur wenn ihre Umsetzung zur Produktivität beiträgt und sie in Bezug auf „wirtschaftliche Faktoren“ vertretbar ist.

Wilfried Sihn, Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research GmbH

In der Produktion gibt es fünf Hebel der KI-Wertschöpfung:

1. Die Intelligente Automation, die die traditionelle Automatisierungstechnik ersetzt und selbstlernend, autonom und proaktiv agiert.

2. Ein verbessertes Urteilsvermögen, das durch Mustererkennung und Mensch-Maschine-Kollaboration entsteht. Denn KI erweitert die menschliche Intelligenz und ihre Stärken.

3. Die erweiterte Interaktion: Mit KI erhält jeder das für sich passende Angebot. Bei Netflix bekommt man jene Filme vorgeschlagen, die gefallen. Und durch den Service-Chat benötigt man keine Bedienungsanleitung mehr.

4. Intelligente Produkte: Smart Services differenzieren im Wettbewerb – mit datenbasierten und personalisierten Dienstleistungen.

5. Verantwortungsvolle KI: Personalisierte und intelligente Produkte erhöhen das Vertrauen der Nutzer in das Produkt und den Hersteller. Die Ethik spielt darin eine wichtige und neue Rolle.

Vertrauen als neue Währung

Vertrauen wird zum ausschlaggebenden Faktor. Und Vertrauen muss man sich verdienen. Warum ist Vertrauen so wichtig? Die Basis für eine funktionierende, erfolgreiche und mehrwertstiftende KI sind Daten. Daten sind aber nicht irgendein Rohstoff, weil zumindest die personenbezogenen Daten, Teil von uns selbst sind. Das heißt, wir müssen achtsam damit umgehen. Vertrauen wird eine neue Währung in der digitalen Welt.

Die Wirtschaftsstruktur in Österreich ist besonders gut geeignet, um von KI zu profitieren und in der Digitalisierung zu den führenden Unternehmen zu gehören. Ein Grund sind die Regional Champions, die heimischen Leitbetriebe, die das Vertrauen genießen. Ein weiterer Grund sind die Austrian Champions, die Weltmarktführer, die erfolgreich eine Nische am globalen Markt bespielen. Neben diesen Charakteristika zählen wir auch heute vielfach schon zu den Public Champions. Die Regierung entwickelt eine KI-Strategie und hat die Digitalisierung ganz oben auf ihre Agenda gesetzt. Diese Konstellation lässt mich so verdammt optimistisch sein.

Wir können enorm von KI profitieren, wenn wir es jetzt und richtig angehen. Es gibt keinen Grund, vor KI Angst zu haben.

Sich als Manager, als Mensch, als Mitarbeiter vor Künstlicher Intelligenz zu fürchten, ist wie sich als Torschützen-König vor dem Elfmeter zu fürchten. Ja, er muss den Ball erst mal versenken, aber der Elfmeter bietet noch immer die größte Chance, das Tor zu schießen, den Punkt zu machen, das Spiel zu gewinnen und Champion zu werden – im Fußball wie in der Digitalisierung.