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Am Ende geht es um die Menschen

(c) Getty Images/iStockphoto (ipopba)
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Künstliche Intelligenz nimmt nicht nur auf Marketing und Kundenanalyse Einfluss, sondern kann auch politisch mitwirken. Damit die Ethik dabei nicht zu kurz kommt, entwickelt die EU einen eigenen Katalog.

1,4 Milliarden Dollar, so viel kostet im Durchschnitt die Entwicklung eines neuen Medikamentes. Geld, das rasch wieder verdient werden muss, denn nach 20 Jahren endet das Patent. Sobald das erste Generika am Markt ist, geht der Preis nach unten und damit natürlich auch der Umsatz. Kein Wunder also, dass auch in der Pharmaindustrie das Thema künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Dabei geht es vor allem darum, die vorhandenen Datenschätze aus jahrzehntelanger Forschung effizienter zu nutzen. „Mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz kommen wir schneller zu Ergebnissen, entdecken neue Muster und kommen schneller zu neuen Wirkstoffen“, sagt Alexander Müller-Vonderlind, Direktor External Affairs & Market Access  bei Janssen Österreich. 

Der Hintergrund: Die bisherige pharmazeutische Forschung funktioniert – salopp formuliert – nach dem „Trial and Error“-Prinzip. Zellen, die bestimmte Krankheitssymptome aufweisen, wie beispielsweise eine bestimmte Krebsart, werden einer Vielzahl von Verbindungen ausgesetzt. Anschließend wird eine mikroskopische Momentaufnahme jeder einzelnen Reaktion erstellt. Solche Experimente liefern bis zu einer halben Million von Momentaufnahmen. Um diese zu sortieren und einen Wirkstoff, der die erwünschte Reaktion hervorruft, zu finden, greifen die Wissenschaftler häufig auch auf KI zurück. Das Problem dabei: Die gesammelten Daten schlummern nach Ende des einen Experiments in Datenbanken und haben eigentlich keine weitere Relevanz. In der Vergangenheit gab es keine Möglichkeiten, diese Erkenntnisse auch für spätere Experimente zur Behandlung anderer Krankheiten einzusetzen. Das soll sich nun ändern. 

KI-Methode bis zu 250-mal effizienter

Janssen-Wissenschaftler kamen auf die Idee diese Datenschätze zu bergen, um die Erkenntnisse aus bereits gemachten Experimenten wieder zu verwenden. Gemeinsam mit Partnern von führenden europäischen Universitäten wurden Computeralgorithmen entwickelt, mit deren Hilfe es vorhersagbar ist, wie andere Zelltypen wahrscheinlich auf dieselben Substanzen reagieren. Der Clou an dem Ganzen: Bei der Erforschung neuer Behandlungsmethoden müssen die Forscher nicht jedes Mal von vorne starten, wie es bisher der Fall war. Das Team um Hugo Ceulemans, wissenschaftlicher Direktor von Discovery Sciences, Janssen Research & Development und leitender Autor der Studie, hat herausgefunden, dass die KI-Methode bis zu 250-mal effizienter ist, als die traditionelle Methode der Wirkstoffsuche.

Eine neue Methodik, die auch all jenen helfen könnte, die an einer seltenen Erkrankung – im Fachjargon Rare Disease genannt – leiden. Aus rein ökonomischen Gründen würde sich die Entwicklung neuer Medikamente bei diesen Erkrankungen eigentlich niemals rechnen. Trotzdem investieren Pharmafirmen in die Erforschung dieser Medikamente. Janssen hat etwa ein Arzneimittel für eine schwere Form der Tuberkulose im Programm, von der in Österreich vielleicht fünf bis zehn Menschen betroffen sind.

Verdopplung des Marktvolumens

Der digitale Wandel wird auch den österreichischen Pharma- und Gesundheitsmarkt beeinflussen. Positiv beeinflussen, meinen zumindest die Experten des global tätigen Wirtschaftsprüfungsunternehmens EY. Sie rechnen bis 2030 nahezu mit einer Verdopplung des Marktvolumens. Bis auf 5,2 Milliarden Euro sollen die Umsätze dann gestiegen sein. 2015 lag der Umsatz des allgemeinen Pharmamarktes bei 2,9 Milliarden Euro. Angetrieben werde die Entwicklung vor allem von den Gesundheits-IT-Lösungen, meinen die Berater in Ihrer Studie „From Participants to Principals“. Der Markt für E-Health-Lösungen soll sich in diesem Zeitraum nämlich verdreifachen. Ähnliche Erwartungen haben die Consulter auch für die beiden weiteren DACH-Länder Deutschland und Schweiz.

Auf dem Weg zu Pharma 3.0

Erich Lehner, Managing Partner Markets und Leiter Life Sciences bei EY Österreich, sagt zu den Veränderungen: „Wir befinden uns auf dem Weg von Pharma 1.0 zu Pharma 3.0 – und damit vom Blockbuster-Modell hin zum ‚Patient Outcome‘ – also einem ergebnisbezogenen Modell. Bisher hatten wir ein bestimmtes Medikament, das auf den Markt gebracht wurde und möglichst viel Umsatz generieren sollte. Jetzt entstehen Ökosysteme, deren Teilnehmer große Mengen an relevanten Informationen austauschen und so individuelle Diagnosen und Behandlungsmethoden für Patienten ermöglichen. Zukünftig wird es für Pharmaunternehmen also viel stärker darauf ankommen, mit digitalen Technologien diesen Informationsaustausch zu kontrollieren und zu analysieren, um daraus Angebote für die Patienten zu entwickeln“.