Studie: Bildung wichtiger als Demografie

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sinkt in Entwicklungsländern die Geburtenrate, beflügelt das die Konjunktur – allerdings indirekt. Nur dann nämlich, wenn gleichzeitig in Bildung investiert wird.

Wien. In Staaten mit sinkenden Geburtenraten und sich ändernden Altersstrukturen wird häufig ein wirtschaftlicher Aufschwung verzeichnet. Diese „demografische Dividende“ entsteht allerdings nicht einfach automatisch durch die im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße steigende Zahl an Erwerbstätigen, sondern durch höhere Investitionen in Bildung, zeigten österreichische Forscher in einer aktuellen Studie.

Für ihre Arbeit haben die Wissenschaftler des an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg angesiedelten Wittgenstein Centre for Demography and Human Capital um Wolfgang Lutz Daten aus über 160 Staaten in der Periode zwischen 1980 und 2015 untersucht. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „PNAS“ veröffentlicht.

Der positive Effekt sinkender Geburtenzahlen auf das spätere Wirtschaftswachstum eines Landes ist gut belegt. Unklar waren bisher aber die genauen Gründe dafür. „Bislang ging man davon aus, dass die niedrigen Geburtenzahlen per se und die dadurch verhältnismäßig höhere Erwerbstätigkeit zu wirtschaftlichem Aufschwung führen“, so WU-Professor Jesus Crespo Cuaresma in einer Aussendung.

„Wir sehen aber, dass nicht die niedrige Kinderzahl, sondern ein steigendes Bildungsniveau entscheidend für das spätere Wirtschaftswachstum ist.“

 

Eltern bilden ihre Kinder

Das hat Auswirkungen für die Politik: Dementsprechend bringen nämlich nicht familienpolitische Maßnahmen zur Senkung der Geburtenrate das Wirtschaftswachstum, sondern Investitionen in Bildung und Humankapital.

Ganz im Gegensatz zur bisherigen Annahme gilt sogar: In Staaten mit sehr niedrigem Bildungsniveau können sinkende Geburtenzahlen bei gleichbleibendem Bildungsstand negative Folgen haben. Umgekehrt profitieren besser gebildete Bevölkerungen durch mehr Erwerbstätigkeit höher Gebildeter. „Zum Beispiel sehen wir, dass das jetzige Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Nigeria 65 Prozent höher wäre, hätte Nigeria in den letzten Jahrzehnten die gleiche Expansion von Bildung umgesetzt wie Südkorea“, betonte Cuaresma. „Solche Effekte beobachten wir nicht, wenn wir Änderungen in der Altersstruktur (ohne Änderungen bei der Bildung) simulieren.“

Als Erklärung des Effekts führen die Forscher an, dass gebildete Eltern – und hier vor allem Mütter – auch mehr in die Bildung ihrer Kinder investieren. Das führe wiederum später zu besser gebildeten Erwerbstätigen, die die Wirtschaft ankurbeln.

Die Resultate der Studie würden „nicht die Wichtigkeit von Maßnahmen zur reproduktiven Gesundheit aus menschenrechtlicher Sicht verringern“, schreiben die Autoren in der Studie – allerdings könnten diese nicht mit ökonomischen Argumenten gerechtfertigt werden. (APA)