„New York Times“: Aus für Polit-Cartoons

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Die internationale Ausgabe soll nach Antisemitismusvorwürfen gar keine politische Karikatur mehr enthalten.

Sechs Wochen ist es nun her, dass eine Zeichnung in der internationalen Ausgabe der „New York Times“ starke Kritik hervorrief. Sie zeigte den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu als Blindenhund mit Davidstern am Halsband, der einen blinden amerikanischen Präsidenten Donald Trump führt. Trump trägt in der Zeichnung eine Kippa. Israels UNO-Botschafter verglich die Zeichnung mit der NS-Propagandazeitung „Der Stürmer“, die „New York Times“ entschuldigte sich: Die Zeitung sei „klar antisemitisch und unentschuldigbar“ gewesen.

Nun werden die täglichen politischen Cartoons ab 1. Juli ganz abgeschafft, wie die „New York Times“ Anfang der Woche mitteilte – ohne es mit der Kritik an der Netanyahu-Trump-Zeichnung zu begründen. „New York Times“-Redakteur James Bennet erklärte vielmehr, die Zeitung beabsichtige diese Änderung schon seit einem Jahr, analog zur schon länger karikaturfreien US-amerikanischen Ausgabe. Bennet betreut die Meinungsseiten der internationalen Ausgabe, auf der die Cartoons bisher erschienen waren.

 

Druck durch „Moralapostel“?

Der Schweizer Karikaturist Patrick Chappatte freilich widerspricht dieser Version: Die Zeichnung sei der Grund, schrieb er auf seiner Website. Die Entscheidung betrifft ihn selbst, er arbeitete viele Jahre lang für die „New York Times“, sie hat ihren Vertrag mit ihm und einem zweiten Zeichner nun gelöst.

Patrick Chappatte kritisierte zwar die Veröffentlichung der – nicht von ihm stammenden – Zeichnung, zugleich aber auch den immer größeren Druck durch „Moralapostel“ in den sozialen Netzwerken. „Twitter ist ein Ort der Wut, nicht der Debatte“, schrieb er.

Die Zeichnung über Netanyahu und Trump stammte von einem altgedienten Lieferanten politischer Karikaturen, dem seit 45 Jahren in diesem Bereich tätigen Portugiesen António Moreira Antunes. Er glaube nicht, dass seine Zeichnung in irgendeiner Weise gehässige anti-jüdische Stereotypen bediene, sagte er seinerzeit zu CNN. Die Zeichnung war zuvor bereits in einer Wochenzeitung in Lissabon erschienen, zur „New York Times“ kam sie über die Karikaturen-Plattform CartoonArts International.