Elfriede Ott: Komödiantin mit großer Seele

Elfriede Ott in der "Liebelei" 1957.
Elfriede Ott in der "Liebelei" 1957.(c) imago/United Archives (imago stock&people)

Nachruf. Sie war volkstümliche Volksschauspielerin und Publikumsliebling, als Nestroy-und Raimund-Interpretin einmalig, aber auch in klassischen Rollen und Boulevard-Stücken beliebt. Nun ist Elfriede Ott gestorben.

„Man sieht sich selbst und seine Welt/Bewusst und Abschied nehmend an/Ein Bild, das nicht mehr Farbe hält/Und morgen ganz verblassen kann.“ Der Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel, langjähriger Gefährte von Elfriede Ott, schrieb dieses Kurzgedicht, das am Beginn ihres Buches „Ich hätte mitschreiben sollen, Splitter meines Lebens“ (Styria) steht. Komödiantin, Nestroy-Spezialistin, Inkarnation eines Wiener Tons, der auf Österreichs Bühnen fast verklungen ist – das sind die gängigen großen Gaben, die mit „der Ott“ verbunden werden. Nun ist sie in der Nacht auf Mittwoch mit 94 Jahren gestorben.

Einer ihrer größten, späten Erfolge war 2010 der Film „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ von Andreas Prochaska: Zwei Männer, die in der Wohnung ihrer Oma leben und deren Pension kassieren, obwohl die Oma seit Jahren tot ist, werden vom Bürgermeister besucht. Er will die Oma ehren. Die Burschen entführen daraufhin die bei einem Bühnen-Unfall verletzte Elfriede Ott aus dem Spital.

In diesem Film zeigte sich die Treffsicherheit der Ott in Sachen Humor. Sie entstammt einer Generation, in der Humor noch etwas sehr Spontanes war, aus dem Bauch kam und nicht jeder Gag 17 Mal umgedreht und auf seine Wirksamkeit überprüft wurde. Heute ist das oft der Fall, das Ergebnis mag perfekter sein, aber es wirkt auch vieles künstlich und gewollt. Elfriede Ott hat auf die ihr eigene Weise den Pfad von der entspannten Blödelei der Nachkriegszeit zur hoch gezüchteten Comedy der Gegenwart zurück gelegt. Wie der Film zeigt, bestand sie in beidem blendend.

Große Darstellerin schöner, auch verlorener Seelen

Elfriede Ott, Uhrmacher-Tochter aus Wien, die die Werkstatt ihres Vaters übernehmen sollte, aber lieber heimlich Unterricht bei der Burgschauspielerin Lotte Medelsky nahm, hatte aber noch ganz andere, dem breiten Publikum weniger geläufige Talente: Sie war eine große Darstellerin schöner, auch verlorener Seelen, etwa als „Filumena Marturano“ von Eduardo des Filippo oder als Molnárs unglücklich liebende „Zuckerbäckerin“.

Elfriede Ott bei einem Interview mit der "Presse" 2013
Elfriede Ott bei einem Interview mit der "Presse" 2013Michele Pauty

Mit 22 Jahren debütierte sie am Burgtheater, wo sie u. a. die Recha in „Nathan der Weise“ oder die Hermia im „Sommernachtstraum“ spielte. Mit Oskar Werner war sie in der Operette „Sissy“ von Fritz Kreisler im Raimundtheater zu sehen; das Libretto stammt von Ernst und Hubert Marischka, Ernst Marischka drehte die „Sissi“-Filme mit Romy Schneider. Romy und die Bardot waren Ideale der damaligen Zeit: „Für den Film war ich nicht schön genug“, hat die Ott einmal gesagt, obwohl sie sehr attraktiv war.

Auf jeden Fall etablierte sie sich anderswo, z. B. beim jungen Medium Fernsehen in Unterhaltungssendungen von „Hallo, Hotel Sacher, Portier“ von und mit Fritz Eckhardt bis zur „Lieben Familie“. Wer sich ein schnelles Bild vom umfangreichen Phänomen „österreichischer Humor“ der Nachkriegszeit machen will – sozusagen eine Variante der angelsächsischen Stand-up-Comedy –, kann auf der Internet-Plattform Youtube Ausschnitte sehen: Elfriede Ott mit Helene Thimig in den „Katzenzungen“ von Miguel Mihura, mit ihrem oftmaligen Partner Fritz Muliar (1919-2009) in „Es war die Lerche“ von Kishon oder besonders berührend mit ihrem Lebenspartner Ernst Waldbrunn (1907-1977): In einem Sketch macht sie Waldbrunn eine stürmische Liebeserklärung. Im Leben bereitete er ihr viele Sorgen, wie sie auch in ihrem Buch erzählt.

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Elfriede Ott in "Lasst uns lügen", 1979(c) imago images / United Archives (via www.imago-images.de)

Ihr Lebensmensch war aber wohl der Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel (1908-1991). Das Talent der Ott wurde früh erkannt: Kritikerin Hilde Spiel lobte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, „ihre Fähigkeit, alle Seiten des wienerischen Temperaments abzuwandeln, das Graziöse, das Maliziöse, das Sentimentale, Raimunds Gemüt und Nestroys Gift“. Den letzten Schliff, das Profil, das Format „Ott“ aber schuf zu einem wesentlichen Teil Hans Weigel. Mit von ihm gestalteten hinreißenden Soloabenden (der bekannteste war „Phantasie in Ö-Dur“) eroberte sie das breite Publikum. Die Ott wurde zum Original, sie perfektionierte ihr natürliches Talent, ihre Zuschauer anzulocken, zu begeistern, zu erstaunen und zu umarmen.

Sie war keine Diva, keine Primadonna, sie scheute sich nicht auf einer Pawlatschen in einem Dorf aufzutreten – oder ihrem Stammpublikum bei den Nestroy-Spielen auf Burg Liechtenstein rustikales Sommertheater zu bieten. Sie war auf eine unwiderstehliche Weise volkstümlich, sie hatte keine Berührungsängste. Für diese spezielle Mischung aus Können, Warmherzigkeit, Temperament, Authentizität hielt ihr das Publikum die Treue.

Ihre künstlerische Heimat war die Josefstadt

Elfriede Otts künstlerische Heimat war über Jahrzehnte das Theater in der Josefstadt. Seit 1959 gehört sie der Bühne an, die Weigel einmal zutreffend als eine Art Lebensgefühl bezeichnet hat. Seit 1985 leitete Ott die Schauspielabteilung des Konservatoriums, später hatte sie ein eigenes Studio. Sie malte mit einigem Erfolg. Und sie liebte Tiere, speziell Hunde waren ihre ständigen Begleiter. Einer davon wird in „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ vom bösen Neffen in einen Braten verwandelt, aber es ist ja nur ein Film, dessen Dreharbeiten die Ott, wie sie oft betonte, sehr genossen hat.

Ein Geheimnis ihres Charmes, ihrer Jugendlichkeit bis ins hohe Alter war gewiss, dass sie Leute liebte, Interesse nicht heuchelte, sondern den Eindruck vermittelte, sie höre auch gern zu. Besonders junge Menschen mochte sie, ihre Schüler ebenso wie die junge Film-Crew.

Zur Person

Elfriede Ott, geboren am 11. Juni 1925, als Tochter eines Uhrmachers in Wien, begann am Burgtheater, spielte in Hamburg, Graz und inszenierte auch. Sie war in TV-Serien, Filmen zu sehen. Besonders beliebt war sie als Nestroy-und Raimund-Interpretin. Ab 1959 gehörte die Ott dem Theater in der Josefstadt an. Ein großer später Filmerfolg war „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ von Andreas Prochaska.

Ihre wichtigsten (Fernseh-)Filme

  • 1949: "Mein Freund, der nicht nein sagen kann", Regie: Alfred Stöger
  • 1949: "Das Siegel Gottes", Regie: Alfred Stöger
  • 1958: "Die Conways und die Zeit", Regie: Theodor Grädler
  • 1961: "Höllenangst", Regie: Axel von Ambesser
  • 1971: "Wiener Totentanz", Regie: Walter Davy
  • 1973-1975: "Hallo - Hotel Sacher...Portier!", TV-Serie
  • 1979: "Lasst uns lügen", Regie: Hermann Lanske
  • 1980: "Der Mustergatte", Regie: Peter Loos
  • 1980-1993: "Die liebe Familie", TV-Serie
  • 1982: "Die Perle Anna", Regie: Claus Homschak
  • 1992: "Duett", Regie: Xaver Schwarzenberger
  • 1995: "Vermischte Gefühle", Regie: Wolfgang Steuer
  • 1995: "Zum Glück gibt's meine Frau", Regie: Xaver Schwarzenberger
  • 2010: "Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott", Regie: Andreas Prochaska

Ihre Bücher

  • 2005: "Ich hätte mitschreiben sollen...Mein Leben", Verlag Styria
  • 2013: "Worüber ich lache. Erlebte und gesammelte Anekdoten", Amalthea Verlag
  • 2014: "Katze, was schnurrst du", Amalthea Verlag
  • 2015: "Auch lachen kann man lernen. Meine jüdischen und andere Witze", Amalthea Verlag
  • 2017: "Verzeihung, wenn ich störe... Spitzen und Pointen aus Kabarett und Theater", Amalthea Verlag

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