Stefan Oláh: Als die Räume Orange trugen

Drinnen. Fast wie ein Filmset: Die Steuerzen­trale des AKW Zwentendorf.
Drinnen. Fast wie ein Filmset: Die Steuerzen­trale des AKW Zwentendorf.(c) Stefan Oláh

Der Fotograf Stefan Oláh näherte sich einer architektonischen Ära, in der auch Mond und Zukunft so nah wie nie schienen.

Manche Witze müssen sickern, um zu wirken. Und auch manche Bauwerke. Zumindest ins Bewusstsein. Damit sie überhaupt wahrgenommen werden, um zu wirken. Auch die 1970er-Jahre haben architektonisch und gestalterisch mehr hinterlassen als bloß einen tieforangen Eindruck. Zwar kann man nicht allen Bauten tatsächlich ästhetische Nachhaltigkeit unterstellen. Aber vielen dafür einen Geist, den man damals ganz gern einfach grob in Beton gegossen hat. Gemeinsam mit dem Glauben an die Kraft der Infrastruktur und der Ingenieurskunst. Die wird’s schon richten. Wenn auch brachial.

Drunter. Im Partykeller der 1970er-Jahre. Ein verstecktes ­Juwel Wiens.
Drunter. Im Partykeller der 1970er-Jahre. Ein verstecktes ­Juwel Wiens.(c) Stefan Oláh

Auch am Arlberg deuten monumentale Zeigefinger in diese Richtung und in die Zukunft von damals. Insgesamt vier monumentale Lüftungsschächte des Arlbergtunnels lassen außer Selbstbewusstsein noch eines erkennen, wie der Fotograf Stefan Oláh meint: „Man sieht ihnen deutlich einen Gestaltungswillen an." Doch wer diesen geäußert und in diese Form gebracht habe, das war gar nicht so einfach herauszufinden bei den Recherchen, erzählt Oláh. In der Dekade der 1970er hat er sich gemeinsam mit Martina Griesser in den letzten vier Jahren gedanklich ziemlich viel herumgetrieben. Schließlich, hat man, wie Griesser berichtet, die Liste von fast 200 architektonischen Kandidaten auf knapp 40 eingedampft, die zusammen gerade in einem Buch erscheinen dürfen: „Bunt, sozial, brutal. Die Architektur der 1970er Jahre", herausgegeben von Stefan Oláh, Martina Griesser-Stermscheg und Sebastian Hackenschmidt. Es verweist auf beinahe anonyme Giganten wie die Lüftungsschächte (Hubert Prachensky, Ernst Heiss und Ernst Lackner gelten dann doch die Credits im Buch) genauso wie auf gut verborgene, weich gepolsterte Legenden des Wiener Partylebens. Wie jener Keller, den der Designer Verner Panton in leicht psychodelischer Anmutung Wien und dem Reich der Mythen hinterlassen hat.

Draußen. Schon Vergangenheit: Der „Glaspalast“ von Harry Glück.
Draußen. Schon Vergangenheit: Der „Glaspalast“ von Harry Glück.(c) Stefan Oláh

Exterritorial. Stefan Oláh betreibe „fotografische Architekturanalyse" schreibt Griesser-Stermscheg in der Einleitung. Da hatte der Fotograf auch so einiges an Beton zu dechiffrieren. Vor allem – siehe Arlberg – in der einen oder anderen Bergregion galt der Baustoff als so etwas wie eine positive Zukunftsprognose. Egal, ob man mit ihm Brücken spannte, Staumauern festigte oder ein Kongresszentrum hinstellte, mit dem man heute noch nicht weiß, was tun. Wie in Bad Gastein. Noch weiter oben, in Gipfelnähe, sind dafür vom gleichen Architekten, Gerhard Garstenauer, ganz andere ästhetische Überzeugungen gelandet. Als Kugelbauten auf dem Kreuzkogel in Sportgastein. Die Mondlandung, man spürt es, war auch zeitlich nicht weit weg. Umso weiter der Weg für Oláh und sein Team nach Brasilia. Dorthin, ins Botschaftsviertel, hatten die Länder der Welt Entwürfe ihrer Architekturelite geschickt. Die Koryphäe der 1970er-Jahre, Karl Schwanzer, war Österreichs Beitrag. Und der seine wiederum ein Entwurf, in dem er die symmetrische Komposition allzu ernst nahm, wie Oláh erzählt: „Er hat quasi einen zweiten Swimmingpool dazugesetzt, der aber nur ein paar Zentimeter tief ist. Einen Wasserspiegel, in den scheinbar eine Leiter führt." Aus rein kompositorischem Motiv. Eine Woche lang hatten Stefan Oláh und Martina Griesser-Stermscheg im ehemaligen Gärtnerhaus gewohnt. Und von dort auch die spektakulären Wolkenformationen beobachtet, die sich schon auf Karl Schwanzers Skizzen abgezeichnet hatten.

Überblickend. Stefan Oláh legt nun die nächste „epochale“ fotografische Architekturanalyse vor: die 1970er.
Überblickend. Stefan Oláh legt nun die nächste „epochale“ fotografische Architekturanalyse vor: die 1970er.(c) Roman Keller

Andere Bauten hielt Oláh fotografisch für eine Zukunft fest, die sie in der Realität nicht mehr hatten: Das Rinter-Zelt etwa, an der nordöstlichen Peripherie Wiens. Mit einer Holz-Dachkonstruktion, die durchaus in die Zukunft wies. Das inhaltliche Müllsortierungskonzept, das die Konstruktion überspannte, dafür weniger. In diesem Jahr wird es noch abgerissen. Was auch schon dem „Glaspalast" von Harry Glück widerfahren ist. Im Jahr 2017. Das Rechenzentrum der Stadt Wien befand sich früher darin, in der Rathausstraße Nummer eins.

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Tipp

„Bunt, Sozial, Brutal. Architektur der 1970er Jahre in Österreich. Fotografiert von Stefan Oláh." Erschienen im Verlag Anton Pustet.