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Kosovo: „Geburtstag der Freiheit“ mit Clinton

Jubel für den früheren US-Präsidenten. Bill Clinton feiert mit Kosovo-Albanern den Abzug serbischer Truppen vor 20 Jahren.
Jubel für den früheren US-Präsidenten. Bill Clinton feiert mit Kosovo-Albanern den Abzug serbischer Truppen vor 20 Jahren.REUTERS

Die Kosovo-Albaner feiern den Einmarsch der Nato vor 20 Jahren. Bei den Serben kommt wenig Jubelstimmung auf.

Prishtina. „Thank you“ prangt in riesigen Lettern auf dem Banner, das vom Regierungshochhaus in der Kosovo-Hauptstadt Prishtina hängt. Daneben stehen – etwas kleiner – „Vielen Dank“, „Merci“ und Dankbarkeitsbezeugungen in mehreren anderen Sprachen.

Darunter, neben dem Reiterstandbild des Heerführers Skanderbeg, hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Eine gewaltige Flagge mit dem albanischen Nationalsymbol, dem schwarzen Doppeladler auf rotem Grund, und ein riesiges US-Sternenbanner werden von unzähligen Händen hochgehalten. Die beiden Flaggen dienen auch gleichsam als Dach gegen die Junisonne. Die Menschen winken mit US-Fähnchen und Fähnchen des Kosovo. Sie sind hier, um an diesem 12. Juni ein Ereignis zu feiern, das vor genau 20 Jahren die Zukunft des Kosovo maßgeblich geformt hat: Die serbischen Einheiten zogen ab und Truppen der Nato rückten ein.

Der Präsident des Kosovo, Hashim Thaçi, wendet sich an die Menge: 1999 sei eines der tragischsten Kapitel der Geschichte des Kosovo geschrieben worden, sagt er. Doch zugleich sei das damals die „Geburt der Freiheit des Kosovo“ gewesen. Als ein weißhaariger Mann ans Rednerpult tritt, bricht tosender Applaus aus. Die Zuschauer skandieren „USA“ und „Clinton“. Jetzt spricht der Mann, den viele Kosovo-Albaner als den wichtigsten Geburtshelfer ihrer Befreiung von der Herrschaft Belgrads ansehen: Bill Clinton, der 1999 Präsident der USA war.

Eine Front gegen Milošević

Seine damalige Außenministerin, Madeleine Albright, wird ebenfalls mit Jubel empfangen. Gemeinsam mit Clinton hatte sie einen harten Kurs gegen den serbischen Autokraten Slobodan Milošević gefahren. Miloševićs Einheiten unterdrückten Ende der 1990er-Jahre in der damals zu Serbien gehörenden Provinz Kosovo einen Aufstand der albanischen Bevölkerungsmehrheit. Nachdem Friedensgespräche gescheitert waren, startete die Nato am 24. März 1999 Luftangriffe gegen Serbien. Und serbische Einheiten im Kosovo vertrieben planmäßig die albanischen Bewohner. Im Juni zogen sich Serbiens Truppen schließlich zurück und die Nato rückte ein.

„Mir ist das Fest egal“

Im Gegensatz zu den zahlreichen Menschen im Zentrum Prishtinas ist Miloš Dimitrijević nicht gerade in Feierstimmung. „Jeder hat hier seine persönlichen Gefühle. Mir ist das Fest egal“, sagt er lakonisch. Der 42-Jährige ist der Verwaltungschef von Gračanica, einer vor allem von Serben bewohnten Gemeinde bei Prishtina. Hier steht auch ein berühmtes orthodoxes Kloster aus dem 14. Jahrhundert.

Vor 20 Jahren machten sich Hunderttausende vertriebene Kosovo-Albaner aus Mazedonien und Albanien auf, um an der Seite der Nato und der kosovo-albanischen Untergrundarmee UÇK in ihre von serbischen Einheiten niedergebrannten Dörfer zurückzukehren. Zugleich steckten nun aber albanische Kämpfer Häuser von Serben in Brand. Und aus dem Kosovo setzten sich lange Trecks von Serben in Bewegung, die nun aus ihrer bisherigen Heimat flohen.

Gračanica gehört zu den Gemeinden, in denen Serben blieben. „Heute gehen viele von den Jungen nach Serbien, weil es hier keine Jobs gibt“, klagt Verwaltungschef Dimitrijević. „Es bleiben nur noch die Alten zurück.“ Und er schildert noch ein weiteres Problem: Die Gemeinde bekomme aus der Kosovo-Hauptstadt nur Mittel für 11.000 Einwohner zugeteilt – basierend auf alten Bevölkerungsdaten. Doch das ist zu wenig. Denn nach dem Krieg haben sich Serben aus anderen Gebieten nach Gračanica zurückgezogen.

Mittlerweile dürften hier mehr als 20.000 Menschen leben. Diese Einwohnerzahl wurde nie amtlich festgestellt, da die Kosovo-Serben die Volkszählung im Kosovo 2011 boykottierten. Am nächsten Zensus werde man aber teilnehmen, versichert Dimitrijević.

Vertreter der Serben wollten lang nicht in politischen Institutionen des Kosovo mitarbeiten. Das hat sich mittlerweile geändert. Für Serben sind Mandate im Parlament reserviert. Serbische Minister sitzen in der Regierung. Die staatliche Unabhängigkeit, die der Kosovo vor elf Jahren erklärt hat, wird von Serbien nicht anerkannt. Trotzdem startete 2011 ein von der EU moderierter Dialog zwischen Belgrad und Prishtina.

Zuletzt sind die Spannungen wieder gestiegen. Beide Seiten werfen einander vor, Vereinbartes nicht umgesetzt zu haben. Die kosovarische Regierung hat Zölle von hundert Prozent für Waren aus Serbien verhängt. Zugleich versuchen beide, den steinigen Weg in Richtung EU zu beschreiten.

Clinton mahnt zu Geduld

Neben den Schwierigkeiten mit Belgrad hat der Kosovo heute auch noch andere Probleme. Dazu zählen hohe Arbeitslosigkeit und Korruption. Ex-Präsident Clinton mahnte in Prishtina dazu, Demokratie nicht als selbstverständlich zu erachten. „Eine neue Form des Mutes und der Geduld ist nötig, um die Zukunft aufzubauen.“

Die Reise wurde von der Kosovo-Botschaft in Wien organisiert.[PJILV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2019)