Klimawandelpolitik und ökonomische Vernunft

(c) Peter Kufner

Einige Kommentatoren sprechen sich in der Klimadebatte gegen den wissenschaftlichen Konsens aus. Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen.

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Die moderne Ökonomik ist ein Kind der Aufklärung. Seit Adam Smith bemühen sich Ökonomen um einen nüchternen Blick auf Unternehmen, Konsumenten und Politik mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Auch die Klimaerhitzung wird in Zusammenarbeit mit den Geowissenschaften analysiert. Eher abgekoppelt vom wissenschaftlichen Mainstream führen einige Journalisten und Gastkommentatoren unter anderem der „Presse“ eine Debatte, die sich zwar auf ökonomische Vernunft und aufklärerischen Fortschritt beruft, aber den eigenen Maßstäben an Rationalität nicht gerecht werden.
Die behauptete Stichhaltigkeit ihrer Analysen wird weniger argumentativ dargelegt, als durch einen Verweis auf die angeblichen Träumereien von Weltverbesserern emotional behauptet. Die vertretenen Ansichten können als verkürzte Form ökonomischer Vernunft verstanden werden.
Erstens werden Eigenverantwortung und Selbstbestimmung als Lösungen für die Klimaerhitzung vorgeschlagen. Tatsächlich führt Eigeninitiative auf Wettbewerbsmärkten unter bestimmten Voraussetzungen zu effizienten Ergebnissen für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Diese Übereinstimmung von individueller Rationalität und Gemeinwohl ist zwar auf einer Reihe von Märkten grundsätzlich möglich, aber Klimapolitik ist das schlechteste Beispiel hierfür.

Die Tragödie der Allmende

Das Grundproblem des Klimawandels ist die „Tragödie der Allmende“. Eine Allmende ist ein knappes Gut, das von allen ohne weiteres Entgelt genutzt werden kann. Als Folge davon kann es zur Übernutzung und im Extremfall zur Zerstörung kommen. Die Erdatmosphäre dient als globale Allmende, welche als „Mistkübel“ für anthropogene CO2-Emissionen dient. Weil deren Nutzung nach wie vor de facto gratis ist, besteht kaum ein Anreiz, mit dem vorhandenen „Müllplatz“ sorgsam umzugehen. Entscheidend ist auch, dass bei der Verfolgung der Klimaziele eine unmittelbare Nutzungskonkurrenz zwischen den Emittenten vorliegt. Wenn eine Tonne CO2 emittiert wird, entstehen dadurch zum einen globale Klimaschäden und zum anderen geht damit ein Verlust an Deponieplatz einher, wodurch die Emissionsmöglichkeiten für alle anderen eingeschränkt werden.
Die effiziente Bewirtschaftung der Allmende durch Einzelentscheidungen und die Zurechnung der Kosten der Treibhausgasemissionen auf die Verursacher ist ohne richtige Preise unmöglich. Während die tatsächlichen Kosten, die mit dem Konsum von einer Tonne CO2 verbunden sind, zwischen 50 und 100 USD liegen, beträgt der globale CO2-Preis auch aufgrund von Subventionen für fossile Energieträger null USD! Angesichts dieser Preissignale kann nicht erwartet werden, dass dezentrale Entscheidungen auf Märkten zu einer effizienten Ressourcenallokation führen. Das Marktversagen beim Klimaschutz bedarf schon längst eines Staatseingriffs mittels Umweltsteuern und weiterer Instrumente, damit die wahren Kosten von Treibhausgasen endlich in den Preisen reflektiert sind.

Woher kommt der Optimismus

Der zweite Mythos behauptet, dass Technik und Marktwirtschaft ausreichen, um das Klimaproblem zu lösen; große Verhaltensanpassungen seien nicht notwendig. Dieser Optimismus lässt sich weder aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten noch aus historischen Daten ableiten. Es besteht keinerlei Garantie, dass in naher Zukunft tatsächlich jene technologischen Durchbrüche gelingen, auf die gehofft wird. Weiterhin kann die Diffusion von neuen, klimafreundlichen Technologien keineswegs als selbstverständlich angenommen werden. Aufgrund von Netzwerkeffekten und Pfadabhängigkeiten ist das herrschende Energiesystem nur schwer zu verändern; es bedarf hierfür signifikanter Vorleistungen durch den Staat in Form von Regulierung, Grundlagenforschung, Marktüberleitung und Infrastruktur. Historische Daten verweisen auf die gewaltige Herausforderung, die CO2-Emissionen bei gegebenem globalen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum im Einklang mit den Klimaschutzzielen zu reduzieren. Letztlich ist auch der bei anderen, v. a. lokal wirksamen Schadstoffen zu beobachtende Zusammenhang zwischen dem Wohlstandsniveau und zunächst steigenden und dann abnehmenden Emissionen bei CO2 leider nicht zu beobachten; Wachstum per se sorgt also nicht für die Lösung der Probleme. Massive Änderungen unseres Wirtschaftsmodells im Sinn einer Verschiebung der Produktions- und Konsumstruktur hin zu weniger ressourcenintensiven Aktivitäten und Gütern sind eine Conditio sine qua non. Innovative und flexible Unternehmen werden Teil der Lösung sein und vom Wandel profitieren.
Drittens wird behauptet, dass Österreichs Klimapolitik weniger ambitioniert sein könnte, weil unser Beitrag zum Weltklimaschutz ohnehin marginal sei. Diese Einladung zum Trittbrettfahren ist angesichts des geringen Anteils an den globalen CO2-Emissionen verständlich, aber trotzdem fragwürdig. Die Klimaziele Österreichs, jedenfalls was die Periode bis 2020 betrifft, wären bei politischem Handeln keineswegs besonders anspruchsvoll.

Schlagt doch Alternativen vor!

Wer die Ziele für 2030 und 2050 als zu ambitioniert betrachtet, müsste angeben, wie die Paris-Ziele sonst erreicht werden sollen. Aufgrund des hohen Wohlstandsniveaus verbraucht der Durchschnittsösterreicher etwa dreimal so viel CO2 wie ihm bei Gleichverteilung der globalen Allmende-Atmosphäre zustehen würde. Darüber hinaus ist Österreichs Wirtschaft über den Kauf von ressourcenintensiven Gütern etwa aus Asien auch für einen Teil der Emissionen in anderen Ländern mitverantwortlich. Rechnet man die importierten Emissionen hinzu und zieht exportierte Emissionen ab, so sind die Emissionen Österreichs ca. 50 % höher, als in der offiziellen Statistik ausgewiesen. Insofern ist ein bedeutsamer Teil der Emissionen in den Schwellenländern keineswegs unabhängig vom Konsummuster der reichen Länder. Um mögliche Nachteile einer einseitigen Vorreiterrolle im Klimaschutz zu vermeiden, wäre auf EU-Ebene ein CO2-Zoll eine denkbare Maßnahme.
Zusammengenommen erweisen sich die vorgebrachten Argumente gegen eine vorgebliche „Klimahysterie“ als unzutreffend. Es scheint vielmehr so, dass die von einigen konservativen Kommentatoren zum Feindbild erkorene schwedische Schülerin Greta Thunberg die Vernunft im Sinne der modernen, aufgeklärten Wissenschaften grundsätzlich auf ihrer Seite hat: Rasches und umfassendes Handeln ist notwendig, damit die Erde ein bewohnbarer Planet bleibt und die Jugend ihre Chance auf eine lebenswerte Umwelt in der Zukunft aufrechterhält.
Im Sinne einer rationalen Debatte sollten all jene, die sich gegen den vorherrschenden wissenschaftlichen Konsens aussprechen, darlegen, welche alternativen Erklärungen bzw. realistischen Lösungswege sie vorschlagen. Solange dies nicht geschieht, sollte mit dem Wort „Vernunft“ und der Verunglimpfung von jungen Menschen, die sich vollkommen berechtigt für ihre eigene Zukunft einsetzen, zurückhaltender umgegangen werden.

Der Autor

Christian Reiner (*1979) ist Wirtschaftsforscher an der Lauder Business School in Wien. Er arbeitet zu den Themen Innovation und Strukturwandel und lehrt Statistik und Volkswirtschaftslehre.