Eine Grachtenfahrt durch die Zeitgeschichte

Mit der Amsterdam Time Machine kann man bald digital in die Vergangenheit der niederländischen Metropole eintauchen. Für die nötige Infrastruktur arbeiten IT- und Geisteswissenschaftler eng zusammen.

Generationen von Geschichtslehrern haben es versucht: Das Geschriebene erfahrbar und das Vergangene relevant für die Gegenwart zu machen. Die Digitalisierung von historischen Dokumenten und Artefakten soll dafür sorgen, dass die Reise durch die Vergangenheit keine Zukunftsvision bleibt. Durch die intelligente Verknüpfung von Archivbeständen entstehen Datenbanken, die geschichtliche Ereignisse und Einzelschicksale auf vielfältige Weise erlebbar machen. Die Amsterdamer Zeitmaschine (ATM) ist eines von vielen europäischen Projekten, die so eine Zeitreise ermöglichen wollen. Am Mittwoch stellte Marieke van Erp, Spezialistin für computergestützte Sprachverarbeitung, das niederländische Projekt auf Einladung des Austrian Centre for Digital Humanities (siehe Lexikon) an der ÖAW vor.

„Wie sah unser Viertel aus, als mein Urgroßvater hier noch wohnte? Welcher Dialekt wurde gesprochen? Welchen sozialen Status hatten die Menschen, die hier lebten? Geschichtsinteressierten diese Fragen gemeinsam zu beantworten ist das Ziel unseres aktuellen Projekts“, sagt van Erp. Sie leitet ein Cluster aus Linguisten, Sozialhistorikern und Medienforschern von drei Instituten der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit Forschern der Universität von Amsterdam konstruieren sie eine interaktive Karte, die die Grachtenstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts darstellt. Diese wird, neben der sozialen Situation und den gesprochenen Dialekten, auch Aufschluss über die Kinos der Stadt geben: „Es könnten virtuelle Welten entstehen, in denen Besucher einen Film von 1900 in historischen Kinosälen anschauen.“

 

Digitales Erbe frei zugänglich

Mit den drei Anwendungsgebieten wollen van Erp und ihr Team vor allem zeigen, wie Wissen über Disziplinen hinweg gebündelt werden kann. Wie genau das Kulturgut künftigen Generationen zugänglich gemacht wird, spielt bei ihrer Arbeit eine untergeordnete Rolle. „Es wird nicht nur eine Benutzeroberfläche geben. Je nach Anwendungsfall werden 3-D-Modelle, Virtual Reality oder auch Düfte eine Rolle spielen“, so van Erp. Ihre Aufgabe sei es, möglichst viele Verbindungen zwischen Datenpunkten anzulegen. Mithilfe dieser sogenannten Metadaten würden Landkarten mit Stadtarchiven, Adressen mit Schicksalen und Tagebucheinträge mit historischen Ereignissen verknüpft. Für Benutzer bedeutet das eine große Erleichterung bei der Recherche.

Van Erps Beteiligung am ATM-Projekt finanziert das niederländische Forschungskonsortium Clariah. Offen bleibt die Frage, wer für die Benutzeroberflächen, die die Datenmengen erschließen sollen, bezahlt. Das digitalisierte Kulturgut dürfe nicht hinter einer Bezahlschranke verschwinden, sagt van Erp. Die mit öffentlichen Mitteln finanzierte Infrastruktur sei daher auch frei zugänglich: „Wir hoffen, dass das einen Kulturwandel bewirkt und Unternehmen aus diesen Daten kein Kapital schlagen, trotz des großen Interesses am digitalen Weltkulturerbe.“

Die neuen Möglichkeiten der Zeitreise haben das Potenzial, das Geschichtsverständnis zu verändern. Historische Fakten werden dann noch stärker durch die Wahrnehmung beeinflusst. Daher sei es wichtig, bei der Datenaufbereitung alle Schritte zu dokumentieren. Van Erp: „Das Problem, dass unsere Quellen befangen sein könnten, wird dadurch zwar nicht gelöst. Aber zukünftige Historikergenerationen können den Weg von der Quelle zum Datenpunkt besser nachvollziehen.“

LEXIKON

Die Digital Humanities kombinieren moderne Informationsverarbeitung mit traditionellen Methoden der Geschichtswissenschaften, Linguistik oder Philosophie. Eine wichtige Anwendung ist die Texterkennung, um schriftliche Quellen schnell digital auszulesen.