Der neue Herr des Ringes

Jens Harzer.
Jens Harzer.

Jens Harzer wird mit der höchsten Theaterauszeichnung, dem Iffland-Ring, geehrt. Der deutsche Schauspieler wirkt wie ein Intellektueller, er war aber auch in „Tatort“-Folgen zu sehen.

Ich heiße Jens Harzer. Ich bin Schauspieler.“ Theater stellen heute Künstler in Videos auf ihrer Website vor. Seit 2009 ist der 47-jährige Wiesbadner am Hamburger Thalia-Theater engagiert. Doch auch die Österreicher kennen Harzer: Bei den Salzburger Festspielen war er u. a. als Tod im „Jedermann“ zu erleben. Ferner brillierte er in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ und in Kleists „Penthesilea“, das Johan Simons im Landestheater als Ringkampf eines Paares zeigte. Harzers nicht minder fantastische Gegenspielerin war Sandra Hüller.

Theater bilde die Opposition zum Leben draußen, so Harzer anlässlich einer Preisverleihung. Intellektuell, introvertiert, der Welt abhandengekommen − das ist die eine Seite von Harzer, dem morgen, Sonntag, im Burgtheater der Iffland-Ring überreicht wird. Aber der ernste Mann spielte auch in Filmen, im „Tatort“ und im noch viel gruseligeren „Tatortreiniger“.

Einen „fiebrigen Schauspieler mit James-Dean-Qualitäten und der Aura eines seltsamen Heiligen“ nannte Christine Dössel von der „Süddeutschen Zeitung“ Harzer, der freilich seiner Heiligsprechung skeptisch gegenüberstehen dürfte. 2012 spielte Harzer im Wiener Akademietheater in Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“, einer „Don Carlos“-Variation. Damals sagte er im „Presse“–Interview zu seiner Traumkarriere: „Es war Glück. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich etwas anderes gemacht.“ Aus der Extrovertiertheit und Exaltiertheit der Mimen auf der Bühne schließen Zuschauer gern, dass sie auch im Leben wilde Selbstdarsteller sind. Harzer zählt nicht zu dieser Gruppe. Er reagierte eher abwehrend auf den Ruhm: „Natürlich ist man nicht der Würdigste“, sagt er dem „Spiegel“, als bekannt wurde, dass er den Iffland-Ring bekommen wird. Bruno Ganz, der verstorbene Großschauspieler und Iffland-Ring-Träger, und Harzer kannten einander gut von „Ithaka“ in den Münchner Kammerspielen, Dieter Dorn hatte inszeniert. Ganz spielte den Odysseus, Harzer seinen Sohn Telemach in dieser etwas parfümierten Erkundung der Homer'schen „Odyssee“ von Botho Strauß.

Mit dem Theater als solchem verbindet das Phänomen Iffland-Ring, dass sich hier manchmal das Höchste (Schauspielkunst) mit dem Niedrigsten (Neid) paart. So gab es bissige Kommentare, als Theatergott Werner Krauß nicht Oskar Werner erkor, mit dem er befreundet war, und auch keinen deutschen Star, sondern den damals vor allem als Volksschauspieler bekannten Josef Meinrad, der mehr ein Theatergott der Wiener war.

 

Die Frauendebatte gab es schon 1959

Bereits damals, 1959, wurde diskutiert, ob man den Ring nicht lieber einer Frau geben sollte, zum Beispiel Käthe Gold. Skurrilerweise endete die Debatte damit, dass man darauf verzichtete, um die Herren nicht zu beleidigen, wie in Meinrads Biografie nachzulesen ist. Und der „Pepi“, wie man Meinrad nannte, der auch ein bedeutender Charakterdarsteller war, wurde von Hans Weigel gewürdigt, einem der gefürchtetsten Kritiker: „Ich schätze Sie als blendenden Schauspieler“, schrieb Weigel an Meinrad.

Wer sich heute alte Schallplatten anhört, dem fällt vor allem auf, dass Iffland-Ring-Träger Sprachkünstler waren und sind. Charisma und markante Diktion verband, so verschieden sie waren, Krauß und Meinrad, poetische Aura sind Ganz und Harzer gemeinsam. Dieser muss übrigens bald seinen Nachfolger bestimmen, als einen seiner Lieblingsschauspieler nannte Harzer im „Spiegel“ Martin Wuttke. [ Ruth Walz ]

Ludwig Devrient.Iffland-Ring-Träger erzählen auch etwas über Moden in der Theatergeschichte. Pathos etwa war früher kein No-Go auf Bühnen, im Gegenteil, je mehr Lautstärke und dramatischer Aplomb, umso besser, speziell in der Romantik: Der Berliner Kaufmannssohn Ludwig Devrient (1784–1832) war als Franz Moor, Shylock und Lear berühmt – und als Zecher. Im Rausch soll Devrient auf der Bühne noch imposanter gewesen sein als nüchtern. Er war dreimal verheiratet – und mit dem großen Fantasten E. T. A. Hoffmann befreundet.

Emil Devrient. Die Devrients waren eine Schauspielerdynastie. Emil (1803−1872) war der Neffe des wilden Ludwig und ein gemessenerer Mann als dieser. 37 Jahre wirkte er an der Hofbühne in Dresden. Als erster Schauspieler erhielt er das Ritterkreuz des sächsischen Zivilverdienstordens, Hofrat war er auch. In Devrients Laufbahn, die mit dem Raoul in der „Jungfrau von Orleans“ begann, spiegelt sich die Aufwertung der Schauspielkunst wider, die durch Profis wie Goethe und Iffland vorbereitet worden war. Auch Devrients Brüder waren Schauspieler.

Theodor Döring. Der Sohn eines preußischen Salzinspektors (1803–1878) arbeitete sich vom Laiendarsteller und Wanderschauspieler zum fix angestellten Mimen in Hannover hoch. Doch gab er diese Lebensstellung auf und wechselte ans attraktivere Hoftheater in Berlin. 1872 erhielt er den Iffland-Ring, also in fortgeschrittenem Alter. Seine letzte Rolle war der alte Mahner Attinghausen in Schillers „Wilhelm Tell“. Das Theater entwickelte sich zum politischen Ventil, es ersetzte Reformen, die Bürger wollten, die Herrscher und der Adel aber nicht.

Friedrich Haase. Der vierte Träger des Iffland-Rings war der Sohn des ersten Kammerdieners des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Dieser förderte das schauspielerische Talent seines Patenkindes. Der König empfahl den jungen Mann dem Shakespeare-Übersetzer Ludwig Tieck. Haase (1825–1911) spielte in Prag, München und Petersburg, er gastierte sogar in New York und tourte durch Nordamerika. Außerdem war er einer der Gesellschafter bei der Gründung des Deutschen Theaters in Berlin.

Albert Bassermann.Er entstammte einer badisch-pfälzischen Kaufmannsfamilie, studierte zunächst Chemie und begann bei Naturalismuspionier Otto Brahm, später war er Reinhardt-Schauspieler. Den Iffland-Ring vermachte Bassermann (1867–1952) drei Kollegen, die verstarben (Alexander Girardi, Max Pallenberg, Alexander Moissi). Bassermann wollte dem Star Werner Krauß den Iffland-Ring wegen dessen Verhalten im Dritten Reich nicht geben, der erhielt ihn schließlich doch. Bassermann emigrierte, auch in den USA hatte er Erfolg.

Werner Krauß. Der Sohn eines Postbeamten war ein „dämonisches Genie“ wie Schauspielkollegin Elisabeth Bergner es nannte. Max Reinhardt fand: „Sein Gesicht füllt das Theater.“ Und Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki meinte: „Krauß spielte nicht, er war.“ Etwa Franz Moor, Jago, Nathan, Wallenstein oder Hamlet. Krauß war auch erfolgreich im Kino. 1934 wurde er Staatsschauspieler und spielte im NS-Propagandafilm „Jud Süß“. Als er nach dem II. Weltkrieg nach Wien kam, gab es Demonstrationen gegen sein Auftreten (Clip auf YouTube).

Josef Meinrad. Der gebürtige Wiener (1913–1996) verbreitete Wärme und Herzlichkeit auf der Bühne, ob als Valentin im „Verschwender“, als Weinberl oder in Molières „Bürger als Edelmann“. Meinrad war auch im Kino zu erleben („Sissi“), richtige Überraschungserfolge hatte er mit Musicals wie „Fair Lady“ in der genialen Fassung von Gerhard Bronner oder als „Mann von La Mancha“, beides im Theater an der Wien. Meinrad wollte zuerst Priester werden, in seiner Freizeit tischlerte er. Er galt als Muster an Bescheidenheit, fuhr aber einen Rolls-Royce.

Bruno Ganz. Ein Schauspieler von unvergleichlichem Nimbus, obwohl er mit der Zeit im Kino mehr überzeugte als auf der Bühne. Der Schweizer Bruno Ganz (1941–2019) prägte „Hamlet“, „Prinz von Homburg“ oder „Torquato Tasso“ unter bekannten Regisseuren für Zeitgenossen, war aber auch grandios in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Thomas Bernhard. In Wien war Ganz als Faust in Steins Regie zu sehen. Seine Alkoholkrankheit machte er öffentlich und überwand sie.