Gut gerüstet für den Bloomsday

Die Statue von James Joyce in der North Earl Street in Dublin. Recht spät wurde der irische Dichter in seiner Heimat geehrt. Dubliner nennen diese Figur respektlos „The prick with the stick“ oder „The prat with the hat“.
Die Statue von James Joyce in der North Earl Street in Dublin. Recht spät wurde der irische Dichter in seiner Heimat geehrt. Dubliner nennen diese Figur respektlos „The prick with the stick“ oder „The prat with the hat“.(c) In Pictures via Getty Images (Sam Mellish)

Am 16. Juni wird der „Ulysses“ gefeiert. James Joyce lässt seinen Roman an diesem Tag im Jahr 1904 spielen. Der Anglist Franz K. Stanzel ist ihm seit 1950 auf der Spur.

Mitte Juni 1915 schrieb der irische Dichter James Joyce aus Triest an seinen wegen des Krieges in Kirchberg an der Wild im Waldviertel internierten jüngeren Bruder Stanislaus eine Feldpostkarte – auf Deutsch, wahrscheinlich aus Gründen der Zensur. Er habe etwas geschrieben, meldet Jim, die erste Episode seines „Ulysses“. Dieser Text ist das früheste verfügbare Dokument über die Entstehung eines die Literatur revolutionierenden Romans, der sieben Jahre später unter großen Mühen in Paris erscheinen sollte.

Seine Handlung ist auf einen Tag in Dublin und drei Protagonisten beschränkt. Die Leser verfolgen all das, was den jüdischen Annoncenakquisiteur Leopold Bloom sowie den Junglehrer und Autor Stephen Dedalus von morgens bis weit nach Mitternacht in Gedanken, Worten und Werken beschäftigt, ob nun am Strand, in Bibliotheken, Geschäftsstraßen, auf dem Friedhof oder im Vergnügungsviertel. Die beiden kommen erst spät zusammen. Anfangs befindet sich Dedalus im Martello Tower im Süden, während Bloom im Norden der Stadt Vorbereitungen fürs Frühstück trifft. Seine Frau Molly liegt noch im Bett. Dorthin kehrt Bloom am Ende zurück. Und Molly macht im Halbschlaf ihre Liebeserklärung an das Leben: 46 pralle Seiten ohne Absätze oder Punktation umfasst dieser berühmte innere Monolog, ein Feuerwerk an Assoziationen. Der Roman orientiert sich an Homers Epos „Odyssee“: Ulysses-Bloom, der herrliche Dulder Poldi, der endlich Sohnersatz Telemachos-Stephen gefunden hat, ist nach Irrfahrten durch den 16. Juni 1904 wieder bei Penelope-Molly gelandet. Sie war an diesem Tag vielleicht nicht so treu – yes! – wie das antike Vorbild.

 

Da hat ihn Nora „zum Mann gemacht“

Warum aber spielt die Handlung ausgerechnet am 16. Juni 1904? Dazu gibt der Anglist Franz Karl Stanzel in seinem neuen Sammelband „James Joyce in Kakanien“ Auskunft, der Essays zu diesem modernen Klassiker aus 64 Jahren vereint. Freunde Nora Barnacles, der späteren Frau von Joyce, haben es ausgeplaudert: An diesem Tag hat sie – oh! – James „zum Mann gemacht“. Stanzel, emeritierter Universitätsprofessor in Graz, muss es wissen. Er könnte selbst eine Figur im „Ulysses“ sein. Am besten passte er zu Episode neun, in der Stephen in der Bibliothek eine aberwitzig-hochgelehrte Diskussion über Shakespeare führt. Da fliegen die Argumente und Anspielungen. Stanzel wurde 1923 geboren, ein Jahr nach der Erstausgabe des Romans. Seit siebzig Jahren beschäftigt ihn dieses Buch. Es spielt eine wesentliche Rolle in seinen Erzähltheorien, die er seit 1955 kontinuierlich entwickelt hat. „Ulysses“ ist ein Prüfstein, denn dieser Text entzieht sich wie Proteus den Typisierungen des Professors. Bei Joyce spricht zuweilen ein Ich, manchmal ein allwissender Erzähler, oft wird die Geschichte personal über eine Figur vermittelt. Mit Molly schließt sie dann in totaler literarischer Enthemmung. In diesem Werk werden alle denkbaren Stile und Perioden erprobt, imitiert, parodiert.

Sein Buch werde, so bemerkte Joyce einmal, die Gelehrten garantiert hundert Jahre beschäftigen. Auf solch philologische Feinarbeit ließ sich Stanzel hermeneutisch ein. Mehr und mehr interessiert ihn der Bezug von Joyce zu „Kakanien“. Immer wieder umkreist er Otto Weiningers misogyne Philosophie, absurde Vererbungslehren, mögliche Verbindungen von Joyce zum k. u. k. Geheimdienst, die Freundschaft zum Triestiner Italo Svevo, einem Wegbereiter der Moderne. 1904 bis 1915 lebte Joyce in Österreich-Ungarn. Für kurze Zeit war er Englischlehrer im k. u. k.-Flottenstützpunkt Pola/Pula, dann in Triest. Auch diese Stadt hat „Ulysses“ geprägt. Der Roman spielt zwar in Dublin, doch Mitteleuropa blitzt immer wieder auf. So werden Blooms fiktive Vorfahren von Szombathely reklamiert. Dort gab es die passende Familie Virag/Blum/Bloom, dort gibt es nun ebenfalls eine Statue für Joyce, wie in Triest, Pula, Dublin . . . Er ist international.

Der Bloomsday auch. Wie kam es dazu? Früh besuchten eingefleischte Fans Roman-Schauplätze wie die Eccles Street Nr. 7, die Adresse der Blooms. Oft endete die Tour in Kneipen. 1967 traf sich dann eine Schar Literaturwissenschaftler und Kritiker in Dublin. Symposion! Seither hält die Begeisterung an. Ein Ende des Feiertags ist nicht abzusehen.

Franz Karl Stanzel: „James Joyce in Kakanien (1904− 1915)“, Würzburg 2019, Königshausen & Neumann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2019)