"Befremdliches" Segensgebet für Kurz in der Stadthalle

Kurz hatte auf seiner Wahlkampftour in der Wiener Stadthalle Station gemacht und dabei ein „Segensgebet" des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald entgegengenommen.
Kurz hatte auf seiner Wahlkampftour in der Wiener Stadthalle Station gemacht und dabei ein „Segensgebet" des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald entgegengenommen.(c) Screenshot: Youtube

Der ÖVP-Chef hat ein Segensgebet des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald entgegengenommen. Kritiker sehen in dem Auftritt einen Missbrauch der Religion für Wahlkampfzwecke.

ÖVP-Obmann Sebastain Kurz befindet sich seit der Vorwoche auf inoffizieller Wahlkampftour. Um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen, steht für heute, Montag, unter anderem der Besuch eines Wirtshauses und eines Seniorenheims in Oberösterreich auf seiner Agenda. Thema dort sein könnten Videoausschnitte, die seit dem Wochenende im Internet kursieren und den Ex-Kanzler gemeinsam mit dem Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn beim christlichen Ökumene-Großevent „Awakening Austria“ in der Wiener Stadthalle zeigen. Und die eine Welle an Kritik ausgelöst haben.

Der Reihe nach: Kurz hatte auf seiner Wahlkampftour in der Wiener Stadthalle Station gemacht und dabei ein „Segensgebet" des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald entgegengenommen. Kritiker orten darin einen Missbrauch der Religion für Wahlkampfzwecke.

Mit ausgestreckten Armen für den Kanzler beten

Der gebürtige Australier Ben Fitzgerald, der sich auf einer selbst erklärten Mission der christlichen Rückholung Europas sieht, ließ Tausende Teilnehmer des Events in der Stadthalle mit ausgestreckten Armen für den Altkanzler beten. "Gott wir danken dir so sehr für diesen Mann. Für die Weisheit die du ihm gegeben hast. Für das Herz, dass du ihm gegeben hast für dein Volk", sagte Fitzgerald (siehe nachfolgendes Video): 

Kurz selbst dankte daraufhin den rund 10.000 Teilnehmern an dem Event für ihren Einsatz „für eine Gesellschaft, in der es Zusammenhalt gibt, wo Menschen für einander da sind und wo Glaube auch ein Rolle spielt“ (siehe nachfolgendes Video):

In den sozialen Medien sorgten diese Szenen für Empörung - auch seitens der Kirche. So warnte die Direktorin der evangelischen Diakonie, Maria Katharina Moser, vor einem „Missbrauch des Gebets" für Wahlkampfzwecke: „Die Kirchen sollten sich hüten, sich vor den parteipolitischen Karren spannen zu lassen, egal welcher Partei", schrieb sie auf Twitter. Michael Landau, Präsident der katholischen Caritas, verwies angesichts der Inszenierung auf offener Bühne schlicht auf das Gebot des Matthäus-Evangeliums, im Privaten zu beten, das da lautet: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu." Landaus Nachsatz: „Von Stadthalle steht da nichts."

Der frühere Neos-Chef Matthias Strolz reagierte auf die Gebete folgendermaßen: „Als kritischer Katholik am Rande der Kirche hab ich gestern einen Arschtritt bekommen", schrieb er auf Twitter in Anspielung darauf, dass nicht nur Kurz, sondern auch Schönborn an dem Event teilgenommen hatte. Er wisse noch nicht, wie er den nehmen solle: „Scheinheiligkeit, Doppelbödigkeit, Naivität, verunfalltes Pop-Event oder Aufforderung zum Austritt...“, so Strolz.

Als „sehr befremdlich" bezeichnete die FPÖ den Auftritt.

Kurz: „Starr für meine Verhältnisse“ 

Gegründet wurde „Awakening Europe" von Fitzgerald, der selbst angibt, als früherer Drogendealer Jesus begegnet zu sein; einem Sprecher Kurz' zufolge sei das Gebet eine „spontane Idee“ des Predigers gewesen.

Kurz selber sagte am Montag, er sei „auch etwas überrascht“ gewesen, „das gebe ich zu“. Er habe auch „starr für meine Verhältnisse“ gewirkt, meinte der Altkanzler. Im Vorfeld habe er jedenfalls nicht von den Plänen Fitzgeralds gewusst, sagte Kurz, der ebenfalls meinte, „immer wieder bei unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu Gast“ zu sein und dabei die „unterschiedlichsten Erlebnisse“ gehabt zu haben. Es gebe „ganz unterschiedliche Kulturen und Abläufe“, die „für uns vielleicht überraschend wirken“.

Die katholische Kirche konnte mit der Kritik an dem Ereignis am Montag gleich gar nichts anfangen: „Ganz klar ist mir die Kritik nicht", sagte Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese Wien. „Wir sind als Christen aufgefordert, für Politiker zu beten", sagte er.