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Mit Federn, Haut und Haar: Einende Wölfe? Die Versachlichung der Wolfsdebatte

Man begreift, dass es so mit dem rücksichtslosen Bewirtschaften der Natur nicht mehr weitergehen kann. In dieser Situation nach der „Regulierung“ von Wölfen zu rufen wäre politischer Selbstmord.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Am 12. Juni erschienen in Berlin „Empfehlungen für bundeseinheitliche Standards zum Herdenschutz vor Wölfen“, unterschrieben von elf (!) Organisationen, welche sowohl die Berufsschäfer als auch den Artenschutz und die Freizeitnutzer repräsentieren. Bislang hat man einander angeschrien, und nun ein gemeinsames Positionspapier mit den entsprechenden praktischen Hinweisen zur Definition von „Problemwölfen“ und zur Praxis des Herdenschutzes!

Dazu mag die Einsicht beigetragen haben, dass der Wolf wohl nicht so rasch wieder verschwinden wird, sowie eine oft hilflose und widersprüchliche Politik der Länder und des Bundes in Deutschland. Die Zivilgesellschaft packt das an, bei dem die offizielle Politik versagt. Bislang erlebte man hitzige Debatten um den Wolf. Auch in den Alpenländern freuen sich Nutztierhalter und traditionelle Jäger ganz und gar nicht. Man „brauche“ den Wolf nicht, hieß es; und man strebte im Widerspruch zu bestehenden Schutzbestimmungen seine „Regulierung“ an und sogar die Einrichtung „wolfsfreier Zonen“. Natur- und Artenschutzbewegte begrüßen dagegen die Rückkehr der Wölfe, sehen sie als Bereicherung, mit wichtigen ökologischen Rollen, auch als Symbol der Wiedergutmachung an einer beinahe zu Tode geschundenen Natur.

Bereits 2018 vernahm man auch aus der Landwirtschaft pragmatische Stimmen. Unter dem Einfluss von NGOs, in Österreich des Naturschutzbundes, des WWF, der Wilderness Society und wohl auch der AG Wildtiere (www.ag-wildtiere.com), traten die Abschussfantasien den Rückzug an die Stammtische an; man begann darüber nachzudenken, wie man auch in Anwesenheit von Wölfen Weidetierhaltung betreiben könne. Zumal ja auch die „Schwarze-Peter-Strategie“ der Landwirtschaftsvertreter nicht verfing, den Wolf zum Sündenbock für das Bauernsterben zu machen. Und immerhin sind mehr als 70 Prozent der Österreicher pro Wolf.

Im April 2019 erschienen die ersten praktischen Hinweise der BIO Austria zum Herdenschutz, langsam laufen erste Infoveranstaltungen dazu an. Von Ex-Ministerin Köstinger wurde ein Koordinationszentrum Wolf in der Steiermark eingerichtet, freilich sehr spärlich ausgestattet und mit einem Geschäftsführer, der erst ab Herbst agieren wird. Und es erschienen gutachterliche Studien aus der Gruppe von Klaus Hackländer (Boku) zum Istzustand und zu den Möglichkeiten für Landwirtschaft, Tourismus und Jagd, mit dem Wolf zu leben. Erstaunt registriert man, dass der Wolf nicht nur spalten, sondern auch einen kann. Der Druck kommt wohl auch von den Wählern. Angesichts der ökologischen Endzeitstimmung und des aktuellen Zerbröselns der Schwarzen und Roten „Volksparteien“ in Deutschland liegen in Umfragen die Grünen erstmals an erster Stelle. Man begreift, dass es so mit dem bisherigen rücksichtslosen Bewirtschaften der Natur durch den Menschen nicht mehr weitergehen kann. In dieser Situation nach der „Regulierung“ von Wölfen zu rufen wäre politischer Selbstmord.

Wieder einmal wird der Wolf zum politischen Tier – wie schon so oft zuvor in der Geschichte. Dazu gibt es übrigens ein neues, sensationell aufklärerisches Buch des Germanisten Alexander King und bald auch einen neuen Kommentar aus meiner Feder.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2019)