Ein Gebet spaltet Politik und Kirchen: Kurz auf Trumps Spuren

ADVENTEMPFANG F†R KIRCHEN UND RELIGIONEN IM BUNDESKANZLERAMT: SCH…NBORN / KURZ
Schönborn/ Kurz(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Vor 10.000 enthusiasmierten Christen geschah in Österreich bisher Unbekanntes. Und Kardinal Schönborn war mittendrin – ein Widerspruch zu Kardinal Königs Erbe?

Wien. US-Präsident Donald Trump wurde die Gnade 2017 im Oval Office zuteil. Ein evangelikaler Prediger legte ihm vor Medienvertretern die Hand auf und betete für ihn. Was in den USA kaum jemanden aufregt, verwundert in Österreich. Jetzt wandelt Sebastian Kurz auf den Spuren Donald Trumps. Wenn auch ungefragt, wie der Ex-Kanzler erklärt. Er musste mit der Wiener Stadthalle vorlieb nehmen. Kurz wurde vor 10.000 Christen aus allerlei Vereinigungen vom Prediger Ben Fitzgerald, einem Australier und früheren Drogendealer, die Hand auf die Schulter gelegt und für ihn gebetet.

„Das sollte man eigentlich für jeden Politiker tun. Insofern war es schade, dass die Veranstalter nicht mehr Politiker eingeladen haben.“ Man kann das öffentliche Gebet für Ex-Kanzler Sebastian Kurz in der vollen Wiener Stadthalle so sehen wie Michael Prüller, Pressesprecher Kardinal Christoph Schönborns. Man muss es aber nicht.

Man kann es auch als „sehr befremdlich“ (FPÖ), „peinlich“ (Liste Jetzt) und „Missbrauch des Gebets“ (evangelische Diakonie) sehen. Kritik regt sich aber auch in der katholischen Kirche. Die hat zwar auf den ersten Blick so gar nichts mit dem von „Awakening Europe“ organisierten mehrtägigen Treffen zu tun. Aber: Kardinal Christoph Schönborn war gleichzeitig mit Sebastian Kurz Stargast am letzten Tag der Veranstaltung und hat ihr dadurch zusätzliches Gewicht gegeben.

 

Probleme mit der Evolutionslehre

Die „Awakening“-Bewegung speist sich aus Christen, die Teile der Freikirchen beziehungsweise Pfingstbewegung sind. Was diese eint: Strenge Berufung auf die Worte der Bibel (mit Verzicht auf deren Auslegung), dadurch oft Ablehnung der Evolutionslehre, Probleme mit der Trennung von Kirche und Staat; keine Ämter oder Konzilsentscheidungen; es wird ausschließlich auf das Wirken des Heiligen Geistes rekurriert; keine fixen Gottesdienstformen; viel Musik; Setzen auf (Zu)Stimmung bei Großveranstaltungen mit missionarischen selbst ernannten Predigern.

Kardinal Schönborn wiederum hat sich für die Anerkennung der Freikirchen als Glaubensgemeinschaft mit allen staatlichen Privilegien (Religionsunterricht, Steuern) stark gemacht. Was 2013 auch gelang.

Offen wollte am Montag kaum ein katholischer Würdenträger den jüngsten Kurz-Segen bewerten. Caritas-Präsident Michael Landau meinte angesichts der Inszenierung, lediglich auf eine Passage aus dem Matthäus-Evangelium hinweisen zu müssen: „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür. Von Stadthalle steht da nichts.“

Bei aller Vorsicht: Auch Kardinal Franz König hätte wohl mit diesem öffentlichen exklusiven Segnungsgebet für Sebastian Kurz seine Probleme gehabt. Immerhin war er es, der die Äquidistanz der katholischen Kirche zu den politischen Parteien gepredigt hat. Ob die Bischöfe auf ihrem Weg nach Mariazell zum Sommertreffen am Montag viel von der Aufregung mitbekommen haben ist nicht überliefert. Vielleicht ringen sie sich ja zu einer Erklärung über das (neue?) Verhältnis zur Politik durch.

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