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Mikrobiologe und Sozialhistoriker erhalten Wittgenstein-Preis

Forschungsförderung: Michael Wagner wird für seine Arbeit an Mikroben, Phillip Ther für die Erforschung postsozialistischer Gesellschaften geehrt.

Das Mikrobiom gehört zu den heißesten Eisen der Lebenswissenschaften. Die so bezeichnete Gesamtheit aller Mikroorganismen spielt nicht nur im menschlichen Körper – von der Verdauung bis zur Psyche – eine tragende Rolle, sie ist auch die Grundlage für jedes Ökosystem der Erde. Seine Untersuchung war noch vor einigen Jahrzehnten kaum möglich, die vielen Tausend Arten unterschiedlichster Einzeller, die sich in jeder Umwelt- oder medizinischen Probe verbergen, waren unbekannt. Hier hat der Mikrobiologe Michael Wagner, Leiter des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltwissenschaften der Uni Wien, Pionierarbeit geleistet, für die ihm am Montag der Wittgenstein-Preis verliehen wurde.

Sein Team entwickelte Methoden, die durch fluoreszierende DNA-Sonden nicht nur die Zusammensetzung der winzigen Organismen in einer Probe anzeigen, sondern auch Einsichten in ihre Funktion liefern. Inzwischen werden die Techniken weltweit für die Analyse von Mikrobiomen eingesetzt und haben wesentlich zum ihrem Verständnis beigetragen. Wagner selbst untersucht damit vor allem Mikroben, die am globalen Stickstoffkreislauf beteiligt sind, 2015 entdeckte er eine neue Klasse an Bakterien im Boden, die mit einem bis dato völlig unbekanntem Stoffwechsel zur Reduktion des klimaschädlichen Lachgases beitragen. Die 1,5 Millionen Euro, mit denen der FWF seine Arbeit honoriert, will Wagner in eine neue Generation seiner Analysemethode stecken, mit denen die Einzellern in Echtzeit beobachtet und bestimmt werden können.

Kritik an westlichem Triumphalismus

Wie im vergangenen Jahr wird auch heuer der Wittgenstein-Preis zu gleichen Teilen an einen Natur- und einen Geisteswissenschaftler vergeben. Zweiter Preisträger ist Philipp Ther, Sozialwissenschaftler am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Ther widmet sich der Transformation Osteuropäischer Gesellschaften nach dem Ende des Staatssozialismus. Seit seiner Berufung an die Uni Wien geht er der Frage nach, warum die Geschichte nach 1989 anders verlief, als damals angenommen: „Angesichts der Renaissance des Nationalismus und des zunehmenden Illiberalismus klingt der damalige westliche Triumphalismus heute mehr als schal“, schreibt Ther in einer Aussendung des FWF. Für ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen Wandlungen sei eine zeitlich und räumlich breitere Perspektive nötig, eine Rückblende in die 1970er- und 80er-Jahre hält der Preisträger für ebenso wichtig wie den Blick auf globale Veränderungen – etwa den Aufstieg, die Hegemonie und die Radikalisierung des Neoliberalismus.

Ther hat mit Kollegen aus sieben Ost- und Mitteleuropäischen Ländern das „Research Cluster for East Central Europe and the History of Transformations“ gegründet, das er mit dem Wittgenstein-Preisgeld weiter ausbauen möchte. So sollen die Gründe für die wachsende regionale und soziale Ungleichheit in Mittel- und Osteuropa erforscht werden.

Neben den Wittgenstein-Preisen vergab der FWF gestern auch sechs „Start“-Preise an herausragende Nachwuchswissenschaftler, die jeweils mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotiert sind. Bis auf den Iranisten Bruno de Nicola (ÖAW), der nomadische Manuskriptkulturen erforscht, gingen sie ausschließlich an Vertreter der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer: Der Physiker Moritz Brehm (JKU Linz) wurde für seine Arbeit an Licht-basierten Halbleitern, Christa Cuchiero, Mathematikerin (WU Wien), für die Modellierung universeller Strukturen der Finanzmärkte ausgezeichnet. Der Materialwissenschaftler Christoph Gammer (ÖAW) erhielt den Preis für die Entwicklung metallischer Gläser, der Mathematiker José Luis Romero (Uni Wien) für die Analyse elektromagnetischer Spektren und der Physiker Richard Wilhelm (TU Wien) für die Untersuchung von Oberflächen auf atomarer Ebene.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2019)