Österreichs Lehrer - zufrieden, aber alleingelassen

Symbolbild: Lehrerin an der Tafel
Symbolbild: Lehrerin an der TafelClemens Fabry

In keinem anderen Land erhalten Lehrer weniger Unterstützung als in Österreich. Das zeigt die politisch brisante Talis-Studie. Hierzulande gebe es dafür aber überdurchschnittlich viele Pädagogen, sagt die neue Ministerin.

Es sei „ein schöner Befund“, den die neueste OECD-Studie liefere, sagte die neue Bildungsministerin Iris Rauskala bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Österreichs Lehrer seien nämlich zufriedener als andere. Ganze 96 Prozent der heimischen Pädagogen sind laut der Lehrerstudie Talis (Teaching and Learning International Survey) mit ihrer Arbeit zufrieden. In den übrigen EU-Ländern sind es 90 Prozent. Hierzulande würden sich deutlich mehr Lehrer noch einmal für den Pädagogenjob entscheiden. 

Mit diesem „sehr, sehr erfreulichen Befund“, wie ihn Rauskala noch einmal nannte, sollten die weniger guten Diagnosen offenbar zumindest etwas übertüncht werden. Denn die Talis-Studie, das weiß man aus der Vergangenheit, hat politische Brisanz. Im Jahr 2008 nahm Österreich schon einmal daran teil. Damals zeigte sich ein dramatisches Bild. In beinahe 80 Prozent der Schulen werde der Unterricht durch fehlende Psychologen und Sozialarbeiter beeinträchtigt. Es gebe, hieß es in dem damaligen Bericht, „kein einziges Land, in dem dieser Wert höher ist“. Das war Wind in den Segeln der Lehrergewerkschaft. Und den konnte die damalige Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ), die ein neues Lehrerdienstrecht zu verhandeln hatte, gar nicht brauchen. Deshalb setzte Österreich beim nächsten Studiendurchgang aus. Im Vorjahr nahm man - ebenso wie 47 andere Länder - dann doch wieder teil.

„Wirklich am schlechtesten ausgestattet"

Im Laufe der Pressekonferenz der Bildungsministerin am Mittwochmittag zeigte sich, dass sich auch diesmal keineswegs nur „schöne Befunde“ in der Studie befinden. Den Lehrern fehlt es nämlich noch immer an Unterstützung. „Hier sind wir leider wirklich am schlechtesten ausgestattet“, sagte Angela Weilguny, die Direktorin des Bildungsinstitut BIFIE, bei der Präsentation. Konkret kommt in Österreich auf 15 Lehrer eine administrative Unterstützungskraft. Im EU-Schnitt sind es sieben Lehrer. Dieses Verhältnis habe sich hierzulande in den vergangenen zehn Jahren, wie betont wird, aber deutlich verbessert. Im Jahr 2008 kamen noch 24 Lehrer auf einen Dienstposten für administratives Personal (z.B. Sekretariatskräfte). 

Dass Österreichs Lehrer wenig unterstützt werden, wird mit Blick auf das pädagogische Unterstützungspersonal noch deutlicher. In Österreich kommt auf 19 Lehrkräfte eine pädagogisch unterstützende Kraft (dazu zählen u.a. Psychologen, Sozialarbeiter und Beratungslehrer). Im EU-Schnitt ist das Verhältnis 8:1. Das macht sich auch im Unterricht bemerkbar. Der Mangel an unterstützendem Personal ist der Studie zufolge jener Faktor, durch den der Unterricht am häufigsten „ziemlich“ oder „sehr beeinträchtigt“ wird. Das geben 47 Prozent der österreichischen Lehrkräfte an. Im EU-Schnitt ist der Wert mit 30 Prozent deutlich geringer.

Ministerin: „Es gibt nicht zu wenig Ressourcen"

Die neue Unterrichtsministerin sieht hier ein österreichisches Spezifikum. „Es gibt nicht zu wenig Ressourcen, wir haben es einfach anders verteilt“, sagt Rauskala. Immerhin würden hierzulande überdurchschnittlich viele Lehrer eingesetzt. So kommen in Österreich auf einen Pädagogen im Schnitt 7,4 Schüler. In der EU sind es 10,5 Schüler.

Die Ministerin wagt eine „fiktive Annäherung“. Würde man diese EU-weite Lehrer-Schüler-Verhältnis von 1:10,5 auf Österreich umlegen, brauche man viel weniger Lehrer. Auf ein Drittel der Pädagogen könne man in dieser Modellrechnung verzichten. Statt diesen 13.000 Lehrern könnte Unterstützungspersonal angestellt werden. Machen möchte die Ministerin das freilich nicht. Es müsse uns aber „zu denken geben“, wie sie sagt. In Österreich gebe es mehr Lehrer und die würden deshalb auch mehr Aufgaben übernehmen.

„Überstiegen Kraft und Kompetenz des Lehrpersonals"

Im 165-seitigen OECD-Bericht liest sich das etwas anders. „Beim administrativen Personal ist Österreich der alleinige Ausreißer und beim pädagogisch unterstützenden Personal verfügt nur Belgiens Schulsystem über so wenig professionellen Support wie Österreich. (...) Diese Situation ist insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Heterogenität  in der Zusammensetzung der Schülerschaft und den damit veränderten pädagogischen Ausgangslagen problematisch“, steht hier geschrieben. Und weiter: „Auch wenn eine erfolgreiche Wissensvermittlung immer eine zwischenmenschliche Beziehungskomponente beinhaltet, so übersteigen weitergehende sozialarbeiterische, psychologische und psychosoziale Betreuungsaufgaben nicht nur die Kraft des Lehrpersonals, sondern vielfach auch deren professionelle Kompetenz."

Zumindest eine Änderung soll laut Bildungsministerin Rauskala aber diskutiert werden. Derzeit erhalten nur die Gymnasien eine fixe administrative Kraft. Künftig solle darüber nachgedacht werden, Sekretaritatskräfte auch an den Mittelschulen einzusetzen.

Die Talis-Studie

Für die OECD-Lehrerstudie Talis wurden rund 150.000 Lehrer der Sekundarstufe 1 (Zehn- bis 14-jährige Schüler) in 48 Ländern bzw. Regionen über ihre Arbeitsbedingungen befragt. In Österreich nahmen rund 280 Direktoren und 4300 Lehrer der AHS-Unterstufe und Neuen Mittelschule teil. Sie repräsentieren die insgesamt 53.000 Lehrer an den 1500 Schulen dieser Schultypen.

Die Studie erhob im Frühjahr 2018 mittels Online-Fragebögen, wie etwa Direktoren die Ressourcen und die Autonomie ihrer Schule einschätzen und wie Lehrer über Stressfaktoren und Arbeitsbelastung, Schulklima, Anerkennung im Beruf sowie Aus- und Fortbildung denken.

TALIS wurde mittlerweile zum dritten Mal durchgeführt - 2008 war Österreich mit dabei, 2013 verzichtete man auf eine Teilnahme. Vergleichsländer sind heuer etwa England, Finnland, Frankreich, Südkorea, Japan, Australien, die USA. Von Österreichs Nachbarstaaten nahmen Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien und Italien teil, nicht dabei waren dagegen Deutschland und die Schweiz.