Menschenbilder im Populismus

Beiträge u. a. von Youssef Rakha und Ágnes Heller (im Bild) sind in einer Onlinediskussion zu Populismus des Goethe-Instituts zu finden.
Beiträge u. a. von Youssef Rakha und Ágnes Heller (im Bild) sind in einer Onlinediskussion zu Populismus des Goethe-Instituts zu finden.(c) APA/AFP/LUDOVIC MARIN
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Das Goethe-Institut veranstaltet ein internationales Onlinegespräch über Populismus, bei dem sich neue Blickwinkel auf eine sehr europäische Debatte ergeben.

Populisten seien zwar Demagogen, stünden aber dennoch auf der Seite des Volkes. Kein Populist sei in diesem eher positiven Sinn Ungarns Ministerpräsident, der eine Oligarchie von „Neureichen" begründet habe, schreibt die Philosophin Ágnes Heller über Viktor Orbán. Die in den 1970er-Jahren nach Australien und später in die USA emigrierte Ungarin jüdischer Herkunft bezeichnet Politiker vom Schlage Orbáns nicht als Populisten, sondern als „Ethnonationalisten", die statt des Volkes die Idee einer Nation unterstützten. Für die Regierungsform in Staaten wie Orbáns Ungarn, Putins Russland, Erdoğans Türkei oder Sisis Ägypten kommt Heller der Begriff „Demokratur" in den Sinn.

Die Gedanken der inzwischen 90-jährigen Kosmopolitin sind in einer Onlinediskussion zwischen mehreren internationalen Teilnehmern nachzulesen, die unter dem Titel „Diesseits des Populismus" ein Jahr lang auf der Website des Goethe-Instituts zu verfolgen sein wird. „Globales Gespräch" nennt sich dieses Format, das neben den bereits feststehenden Diskutanten auch die Öffentlichkeit zum schriftlichen Mitdiskutieren einlädt. Das Forum wird von dem österreichischen Philosophen Michael Zichy und dem Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher moderiert. Die Beiträge dürften eine Entdeckung vor allem für Leser sein, die an außereuropäischen Sichtweisen interessiert sind.

Auf Hellers Beitrag reagiert beispielsweise ein Essay der Kenianerin Yvonne Owuor. Die preisgekrönte Schriftstellerin, die derzeit in Berlin arbeitet, bringt eine Perspektive auf die „säkulare Dreifaltigkeit aus Demokratie, Menschenrecht und Rechtsstaatlichkeit" ein, die – eingestanden – nicht frei von Zynismus und Schadenfreude ist.

Man darf gespannt sein, wie sich demnächst weitere fixe Teilnehmer der Diskussionsrunde positionieren werden – etwa der ägyptische Schriftsteller und Dichter Youssef Rakha, die russische Autorin und Journalistin Maria Stepanova sowie die Lateinamerikanistin und „New York Times"-Kolumnistin Carol Pires aus Brasilien.

Der Erfolg des Macher-Machos

Laut Zichy, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt die Menschenbild-Forschung ist, vertreten Populisten ein autoritäres Menschenbild, das – wie jedes Menschenbild – durch das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Merkmale charakterisiert ist, in diesem Fall etwa der Merkmale eines nutzenorientierten Denkens, der Annahme, dass Menschen prinzipiell selbst für alles verantwortlich seien wie auch der Notwendigkeit einer Gruppe und einer starken Führung.

Zichy widmete dem Thema der Menschenbilder nicht nur seine Habilitationsschrift, sondern auch Aufsätze und Lehrveranstaltungen, zuletzt etwa eine Vorlesung an der Uni Salzburg. Laut der Definition, zu der Zichy im Zuge seiner Forschungen gelangte, ist ein Menschenbild, etwas verkürzt formuliert, „ein Bündel an starken Überzeugungen über Menschen im Allgemeinen". Dieses Charakteristikum der starken Überzeugungen dürfte auch auf die Anhänger populistischer Politik zutreffen. Wie anders wäre zu erklären, dass sie auch nach Skandalen ihren demaskierten Leadern unverbrüchlich die Treue halten. Insgesamt seien jedoch die Gründe für die derzeitige weltweite populistische Welle noch nicht hinreichend klar, sagt Zichy. „Warum diese Mechanismen derzeit so greifen, darüber gibt es noch immer ein großes Rätselraten. Das bildet sich auch in unseren Onlinebeiträgen ab." Als eine der möglichen Wurzeln sieht der Wissenschaftler allerdings das alte Ideal des (manchmal wirtschaftlich erfolgreichen) machohaften Machers. „Wer Erfolg hat, darf sich alles erlauben und alles nehmen."

Das Onlinegespräch finden Sie unter: www.goethe.de/de/kul/ges/eu2/tlk.html

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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