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Der Iran testet die Kriegsbereitschaft Trumps: Das ist keine gute Idee

U.S. President Trump speaks during Oval Office meeting at the White House in Washington
U.S. President Trump speaks during Oval Office meeting at the White House in Washington(c) REUTERS (JONATHAN ERNST)
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Kriegslust zählt nicht zu den Lastern des US-Präsidenten; er sucht das Gespräch mit Iran. Die Führung in Teheran wäre gut beraten, sein Angebot anzunehmen.

Die USA und der Iran sind um Haaresbreite an einem Krieg vorbeigeschrammt. Einem unwidersprochenen Bericht der „New York Times“ zufolge waren amerikanische Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe bereits in Position, um nach dem Abschuss einer Drohne Vergeltung im Iran zu üben. Die Attacken wären angeblich auf Radar- und Raketenstellungen beschränkt gewesen. Doch niemand kann wissen, wie die Iraner darauf reagiert und dann wiederum die Amerikaner zurückgeschlagen hätten. Das Tor zur Eskalation wäre weit offen gestanden.

Doch Donald Trump ließ die Angriffe in letzter Minute abblasen. Man kann dem US-Präsidenten vieles vorwerfen, aber Kriegslust zählt nicht zu seinen Lastern. Er dürfte vielmehr der raren Spezies der friedfertigen Maulhelden, der polternden Pazifisten angehören. Die sicherheitspolitische Spielart seiner Amerika-zuerst-Doktrin sieht vor, sein Land aus militärischen Auseinandersetzungen möglichst herauszuhalten. Dieses Wahlkampfversprechen hat Trump bisher weitgehend eingehalten. Grünes Licht für Militäraktionen gab er lediglich gegen die Terrormiliz IS – und in klar eingegrenztem Rahmen, um Syriens Regime für dessen Einsatz chemischer Waffen zu bestrafen.

Dennoch baut der ehemalige Immobilienmagnat, der sich zweifellos als würdiger Friedensnobelpreisträger sähe, gern auch militärische Drohkulissen auf. Auf Nordkoreas Diktator, Kim Jong-un, ließ Trump rhetorisch ungehemmt „Feuer und Zorn“ herabregnen, ehe er eine wunderbare Brieffreundschaft und eher erfolglose Verhandlungen mit ihm anfing. Eine ähnliche diplomatische Kneippkur will der selbst erklärte Meister-Dealmaker offenbar auch gegenüber dem Iran anwenden. Erst kündigte Trump einseitig das Atomabkommen, verschärfte die Sanktionen bis zum Anschlag und propagierte „maximalen Druck“ auf die Islamische Republik, dann bot er Teheran direkte Gespräche an, um wie eine Mischung aus tapferem Schneiderlein und Hulk alle Probleme auf einen Streich zu lösen.

Doch darauf wollten sich die Mullahs nicht einlassen. Anstatt an den Verhandlungstisch gekrochen zu kommen, schalteten sie trotz wachsenden wirtschaftlichen Drucks ihrerseits auf hart. Sie begannen, die Fesseln der Wiener Atomvereinbarung abzustreifen und Uran wieder höher als vertraglich fixiert anzureichern. Sie hielten ihre Stellungen als aggressive Regionalmacht vom Jemen bis Syrien. Und sie wichen auch im Persischen Golf kein Jota zurück. Dort allerdings steht Aussage gegen Aussage: Die Amerikaner machen mit mutmaßlichen Fotobeweisen die Revolutionsgarden für jüngste Explosionen auf Tankschiffen in der Straße von Hormus, diesem Nadelöhr für den weltweiten Ölverkehr, verantwortlich. Die Iraner streiten alles ab.

Den Abschuss einer US-Drohne leugneten sie nicht; Irans Staatsfernsehen präsentierte stolz Wrackteile. Doch umstritten ist der Ort, an dem der unbemannte Flugkörper vom Himmel fiel. Die USA behaupten, über internationalen Gewässern; die Iraner sprechen von einer Verletzung ihres Hoheitsgebiets.

Die Iraner nützen das Glaubwürdigkeitsdefizit, das Trump in den ersten Jahren seiner Amtszeit aufgetürmt hat; nie zuvor waren Faktenchecker in Washington unter derartigem Dauereinsatz wie in dieser Ära der schamlosen Lüge. Umgekehrt trauen nur die Blauäugigsten unter den naivsten Anti-Amerikanern dem Regime in Teheran mehr als ein paar Zentimeter über den Weg.

Falls es die Taktik der Iraner sein sollte, die Geduld Trumps mit gezielten Provokationen zu testen und ihn als großmäuligen Twitter-Tiger ohne Zähne zu entlarven, könnte dies das Rezept für eine Katastrophe sein. Denn endlos wird sich der US-Präsident nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Dass Donald Trump den Militärschlag jetzt im letzten Moment absagen ließ, heißt nicht, dass der Iran für immer davon verschont bleibt. Der Oberste Geistliche Führer des Iran, Ayatollah Khamenei, wäre gut beraten, auf das Gesprächsangebot Trumps einzugehen. Schaden kann ein direkter Dialog auf keinen Fall. Das Risiko, den Nahen Osten und Umgebung mit einer Fehlkalkulation in den Abgrund zu stoßen, ist einfach zu groß.

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)