Peter Matić, der feinste unter den Schauspielern, ist gestorben

Peter Matic (* 24. 3. 1937, † 20. 6. 2019).
Peter Matic (* 24. 3. 1937, † 20. 6. 2019).(c) picturedesk.com

Die Theaterwelt trauert um „einen der nobelsten, freundlichsten, großzügigsten Kollegen“. Der Kammerschauspieler wurde 82 Jahre alt.

Wenn man seine unverwechselbare Stimme hört, im Radio oder im Film, setzen unwillkürlich starke Assoziationen ein. Viele denken da wohl: So muss ein Gedicht klingen! Andere glauben vielleicht, sie hören Ben Kingsley oder gar Gandhi, den dieser Hollywood-Star einst gespielt hat. Doch die Liebhaber hervorragenden deutschsprachigen Theaters wissen sofort: Das ist Peter Matić.

Er ist einmalig, viel mehr als nur eine Stimme (die er Kingsley in deutscher Synchronisation lieh). Wer diesen feingliedrigen Herrn jemals leibhaftig erlebt hat, nicht nur in noblen Rollen, die seiner Art entsprachen, sondern auch tolldreist in Komödien oder gar beim bösen Karl Kraus als Karikatur des Kaisers Franz Joseph in „Die letzten Tage der Menschheit“, weiß, was Präsenz ausmacht, wie rar solch stets dem Ganzen dienendes Spiel ist. Auf höchstem Niveau in äußerster Konzentration. Peter Matić, der privat nur sanft Ironie aufblitzen ließ, hatte eine Fülle von Talenten, die weit übers Theater hinausreichten. Profundes literarisches Wissen, historisches Bewusstsein und eine tiefe Liebe zur Musik zeichneten ihn aus. Sänger zu sein wäre für ihn eine Alternative gewesen.

Wer hätte 1937 bei seiner Geburt vorausgesagt, dass dieser Spross einer altösterreichischen Offiziers- und einer bis ins hohe Mittelalter zurückreichenden deutschen Adelsfamilie Schauspieler werden würde? Wenn schon nicht in der Familientradition, hätten ihn die Eltern gern als Juristen gesehen, aber als ihnen der in Wien studierende Sohn nach kurzer Zeit gestand, dass es ihn zur Bühne zog, akzeptierten sie das. Der Beginn war nicht einfach: statt des Max-Reinhardt-Seminars (wo man ihn nicht wollte) Privatunterricht – bei der großen Dorothea Neff.

 

Wien – Basel – München – Berlin – Wien

Nach der Abschlussprüfung ging es rasch voran. Die Josefstadt war auf ihn aufmerksam geworden. Matić wurde vom Fleck weg engagiert. Acht Jahre blieb er ihr verbunden, spielte dort nicht nur Klassiker und Boulevard, sondern auch Hochmodernes. So war er der erste „Kaspar“ von Peter Handke in Wien, auf der kleineren, experimentierfreudigen Bühne des Hauses. Weitere wichtige Stationen waren für kurze Zeit Basel und München. Schließlich ging Matić für 22 Jahre nach Berlin, an die Staatlichen Schauspielbühnen, die ihn prägten, die er subtil prägte. Die Jahre am Schillertheater, das 1993 zugesperrt wurde, hat er danach anfangs mit Wehmut als Höhepunkt der Karriere bezeichnet. Aber mit der langsamen Heimkehr nach Wien sollte ein weiterer folgen. Hans Hollmann, der für ihn schon seit dem Theater in der Josefstadt ein richtungsweisender Regisseur wurde, lockte ihn für den „Kroatischen Faust“ ans Burgtheater.

Noch eine Erfolgsgeschichte: Matić blieb hier bis zu seinem Tod, länger als in Berlin. 1994 wurde er Ensemblemitglied. 2001 erhielt er den Albin-Skoda-Ring, der alle zehn Jahre „einem besonders hervorragenden Sprecher unter den lebenden Schauspielern des deutschen Sprachgebiets“ verliehen wird. Neben vielen weiteren Ehrungen gab es für ihn einen Nestroy- und einen ORF-Hörspielpreis (Schauspieler des Jahres). 85 Rollen hat er am Burgtheater gespielt, die besten Regisseure (Strehler, Tabori, Dresen, Giesing, Benning, Breth . . .) schätzten ihn. Er wirkte in Film und Fernsehen mit, sogar in Opern (etwa als Haushofmeister in „Ariadne auf Naxos“). Zur Sommerszeit zählte er bis zuletzt verlässlich zu den Stützen der Festspiele in Reichenau. Im Radio schien er geradezu omnipräsent. Und im Hörbuch. Unter anderem hat er Marcel Prousts Monumentalroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in Gesamtaufnahme gelesen.

Kammerschauspieler Peter Matić ist am Fronleichnamstag in Wien gestorben. Wie soll man sich an ihn erinnern? Er war ein „einzigartiger Schauspieler“, einer „der nobelsten, freundlichsten, großzügigsten Kollegen“, wie Direktorin Karin Bergmann für das trauernde Burgtheater sagte. Ein echter Familienmensch war er und tiefgläubig. Wenn wir nun seine Stimme hören, im Radio oder im Film, wird lang die Erinnerung an ihn traurig-froh in uns nachklingen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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