Gruselig? Zur Empörung rund um das Kurz-Gebet

Meine Sorge über die Empörung rund um das Kurz-Gebet: Gläubige Menschen, die sich über Frömmigkeitsformen anderer alterieren, bewegen sich auf dünnem Eis.

Kürzlich hat eine Gebetszeremonie viele Menschen in diesem Land beschäftigt. Tausende Menschen sind einem in Gold und Juwelen gefassten Stück Brot, in dem sie Gott gegenwärtig wähnen, durch die Straßen nachgezogen, um öffentlich auf ihre Städte und Dörfer Segen herabzubeten. Auch Politiker beteiligten sich daran, nicht selten aus einer einzigen Partei. Und das ganz gegen die Worte des Matthäus-Evangeliums (Mt 6,6): „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu.“

Sie wissen schon, worauf ich hinauswill. Aber vielleicht finden Sie, dass eine Fronleichnamsprozession nicht zu vergleichen ist mit dem Gebet eines australischen freikirchlichen Pastors für Sebastian Kurz. Warum eigentlich nicht? Ich weiß von vielen, die Fronleichnam mit seiner Anbetung der Eucharistie für massensuggestiven Götzendienst halten. Luther nannte es „eitel Abgötterei“. In der Aufklärung wollte man es verbieten. Und in Aachen hat die Polizei 2015 einen Notruf dokumentiert: „Ich möchte einen Hinweis geben auf eine größere Gruppe Menschen, die mit einem Mikrofon gerade die Straße hochgehen. Einer von denen hat einen biblischen Spruch aufgesagt, und die Menschen haben diesen Spruch wiederholt. Es war ziemlich gruselig.“

„Gruselig“ habe ich auch im Zusammenhang mit dem Beten in der Stadthalle gehört. Man muss es auch nicht mögen, dass die Versammlung in der Stadthalle ganz wie in den ersten christlichen Jahrhunderten mit Handauflegung und erhobenen Händen für jemanden betet, der sich dann noch als der einzige anwesende Politiker entpuppt. Aber es tut ganz gut, sich zu erinnern, dass wir im katholischen Mainstream genauso Stoff zum Ärgernis bieten würden, hätte man sich nicht an uns gewöhnt.

Die Empörung über das Kurz-Gebet, die manche sogar von einem „Arschtritt“ hat sprechen lassen, bietet viel Stoff zum Nachdenken. Nicht nur darüber, ob die gewohnte, von der katholischen Kirche in Österreich gewählte Äquidistanz zu den Parteien für sämtliche Praktikanten jeglichen Glaubens Gesetz sein soll. Sondern eben auch über die Frage, ob nicht jede Religion, die auf ihre Weise das Jenseitige ernst nimmt, anderen jenseitig vorkommt. Und dass daher jeder, der seinen Glauben ungehindert leben möchte, besser auch jenen religiösen Manifestationen Legitimität zugesteht, deren Transzendenzbezug nicht in der ästhetisierten Harmlosigkeit eines lieb gewordenen Brauchtums allgemeinverträglich geworden ist, sondern falsch erscheint, fremd ist und verstört. Man könnte nämlich auf diese Toleranz einmal selbst angewiesen sein.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien

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