HighTech-Textilien: Zukunftsgespinst

HighTechTextilien Zukunftsgespinst
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Spinnenseide aus dem Labor und andere HighTech-Textilien sind die Materialien der Zukunft. Designavantgardisten und Ökofreaks wissen sie zu schätzen.

Zuerst hieß es Jute statt Plastik, und Alternativsein stand auf der Tagesordnung. Dann war plötzlich Grün das neue Schwarz: Massen-„Öko“-Mode bahnte sich ihren Weg ins Standardsortiment der unwahrscheinlichsten Anbieter. Und während heute vielerorts hinter manch vorgehaltenem Feigenblatt Greenwashing betrieben wird, sieht die Zukunft vielleicht ganz anders aus. Die Forschung steht nämlich nicht still: Zwar erfolgen einerseits durchaus bemerkenswerte Vorstöße in der Erprobung neuer Pflanzenfasern für Massenproduktionsverfahren. Auf den Philippinen beschäftigt man sich etwa mit der möglichen Serienreife von Geweben aus Kokosfasern, denn Alternativen tun Not. Immerhin ist die ökologische Bilanz von Baumwolle, so „green“ sie im besten Fall daherkommt, aufgrund des wasserintensiven Anbaus nicht gerade rosig. Andererseits erfreut sich aber ein Ansatz regen Zuspruchs, bei dem man auf Hightech setzt und nicht nur den Ansprüchen der Informationsgesellschaft genügt, sondern auch Zukunftsfantasien für das dritte Jahrtausend befeuert.

Perspektivenwechsel. Bei dem auf textile Belange ausgerichteten Institut für Ökologie, Technik und
Innovation (ÖTI) in Wien überblickt man sämtliche aktuelle Tendenzen. „Es gibt unterschiedliche Statistiken, was den ökologischen Fußabdruck von Natur-
fasern und Chemiefasern betrifft“, wägt die Textilexpertin Andrea Häussermann ab. „Bio und Öko sind wichtige Stichworte, die aber zuletzt vielleicht ein wenig überstrapaziert wurden. Manche Untersuchungen zeigen auf, dass Chemiefasern in dieser Hinsicht nicht unbedingt schlechter abschneiden als Naturfasern.“ Auch wenn wir noch nicht ganz an den Punkt gelangt sind, an dem sich Plastik die neue Jute schimpfen darf, eröffnen doch komplexe Faserkonstruktionen bislang ungeahnte Möglichkeiten. Ein Prinzip, auf das in diesem Zusammenhang immer häufiger zurückgegriffen wird – natürlich auch, um ökologische Glaubwürdigkeit zu erlangen –, ist der „Cradle to Cradle“- oder C2C-Gedanke: Dabei geht es zuvorderst um das Anliegen, den Lebenszyklus von Materialien zu verlängern und sie im Idealfall ohne Qualitätsverlust nach dem Ende eines Produktlebens wiederzuverwenden. Recycling im konventionellen Sinn wird von den C2C-Adepten despektierlich als Downcycling bezeichnet.

Vielseitigkeit. Aufsehen erregte erst unlängst der österreichische Traditionsbetrieb Backhausen Interior, der nach dem C2C-Prinzip die tatsächlich zu hundert Prozent und ohne Qualitätsverlust wiederverwertbare „Returnity“-Faser auf Trevirabasis patentieren ließ. Derlei Vorstöße sind schon deshalb begrüßenswert, weil sie für erfolgreichen Technologietransfer von Forschungserkenntnissen in marktfähige Produkte stehen.
Das bestätigt auch Andrea Häussermann, die sich darüber hinaus für das ÖTI mit dem noch komplexeren Bereich der sogenannten „Smart Textiles“ befasst. Grob vereinfachend gesprochen sind das Textilfasern mit bestimmten Zusatzfunktionen. Sie fungieren zum Beispiel als Sensoren, die etwa die Herzfrequenz messen und diese Information an Computer senden können. Das macht sie für den Bereich der medizinischen Patientenüberwachung und damit auch der Altersbetreuung interessant. Zahlreiche andere Anwendungsgebiete ließen sich aufzählen; die Entwicklungsarbeit sollte sich jedoch nicht in reiner Technikbegeisterung erschöpfen: „Aus unserer Warte ist es nötig, auch den ökologischen Aspekt mitzubedenken, wenn man Smart Textiles entwickelt“, so Häussermann.

„Wichtig ist vor allem, dass der gesamte Produktlebenszyklus berücksichtigt wird. Eine Möglichkeit besteht darin, durch eine möglichst modulare Zusammensetzung der Produkte die Voraussetzung für ihre Recyclingfähigkeit zu schaffen.“ Die einzelnen Bestandteile dieser denkfähigen Textilien sollten im Idealfall sortenrein voneinander getrennt werden können – eine Herausforderung für die technologiebegeisterten Entwickler. Smart Textiles können aber ohne Zweifel auch nicht unwesentliche Impulse für die Fortentwicklung der Mode abgeben. Der wird schließlich kaum daran gelegen sein, bloß auf die Erfüllung von anachronistischen Sechzigerjahre-Utopismen à la Courrèges oder Paco Rabanne hinzuarbeiten. Einstweilen scheinen aber aufseiten einer sich als Avantgarde perzipierenden Designkunstelite Vorbehalte gegen derlei Innovationen fortzubestehen.

Richtungsweisend. Dabei hat man gerade in jüngerer Vergangenheit immer wieder gesehen, dass – wenn einmal die Palette sämtlicher Form-Farb-Kombinationen im saisonalen Hamsterrad ausgeschöpft ist – der Einsatz von innovativen Materialien nicht nur aus ökologischer Warte Sinn macht, sondern auch für frischen Wind in der Ästhetik sorgt.

Das ist richtungsweisenden Designern bewusst, und so erregten Jil Sander, Helmut Lang, Alexander McQueen, Hussein Chalayan und Miuccia Prada immer wieder mit ihrer Aufgeschlossenheit für neue Textilfasern Aufsehen, die zum Teil aus anderen Bereichen in die Mode eingeführt wurden.

Man kann nur hoffen, dass heute der eine oder andere Kreativstar auf Inspirationssuche auch Wissenschaftsmagazine durchforstet. Dann könnte nämlich bald eine – obendrein ökologisch wertvolle – Kreation aus Spinnenseide über den Laufsteg paradieren. Münchner Biotechnologen entwickelten nämlich ein Verfahren zur Massenproduktion dieser aufgrund ihrer besonderen Molekularstruktur in der Technik und der Medizin heiß begehrten Faser, bei dem Spinnenfadengene in Bakterienkulturen implantiert werden. Spiderman lässt also grüßen oder: Auch in der Mode findet die Zukunft manchmal an den unerwartetsten Stellen statt.

"Smart Textiles" ist eine Plattform, die vom ÖTI in Kooperation mit Netzwerkpartnern unterhalten wird und an der Schnittstelle aus Forschung, Wissenschaft und Lehre operiert. www.smart-textiles.at


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