Kamerun fühlte sich bei der Frauen-WM vom Video-Schiedsrichter betrogen, dabei lag dieser richtig. Die strukturellen Probleme in der Umsetzung erkennt der Weltverband Fifa nicht.
Valenciennes/Wien. Wo immer der so genannte Video-Schiedsrichter auftaucht, ist Aufregung garantiert. Das hat die deutsche Bundesliga erlebt, ebenso die Champions League und jetzt wurde bei der Fußball-WM der Frauen eine neue Eskalationsstufe erreicht. Von „unmöglichem Verhalten“ sprach der englische Teamchef Phil Neville nach dem 3:0-Sieg im Achtelfinale gegen Kamerun. „Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin über den Aufstieg. Es geht um das Image von Frauenfußball.“
Vorweg: Dem Video Assisted Referee (VAR), wie die Technik offiziell heißt, war diesmal per se gar kein Vorwurf zu machen. Die Afrikanerinnen aber fühlten sich gleich zweimal betrogen: Englands 2:0 wurde korrekterweise gegeben, ihr Anschlusstreffer hingegen zurecht wegen eines knappen Abseits aberkannt. Trotzdem kam es beide Male zu tumultartigen Szenen, es flossen Tränen und nur Interventionen von Kapitänin Gabrielle Onguéné und Trainer Alain Djeumfa konnten die Spielerinnen zum Weitermachen bewegen. Kameruns Teamchef dementierte zwar danach Boykott-Avancen seines Teams, der Fußball aber stand in der Partie angesichts dieser Szenen nicht mehr im Mittelpunkt. „Ich habe kein Mitleid mit Kamerun. Regeln sind Regeln. Das geht um die ganze Welt und junge Mädchen sehen das, da geht es um das größere Bild“, schimpfte Neville.
Kein Ersatz für Qualität
Nach der WM der Männer im Sommer 2018 wurden Offizielle und Spielerinnen mit der VAR-Technologie vertraut gemacht, erst im März fiel die Entscheidung zugunsten der Premiere bei der Endrunde der Frauen in Frankreich – und die hat Kritik auf vielerlei Ebenen hervorgerufen. So kam es in der Gruppenphase zu 17 Überprüfungen von Spielszenen, 16 Mal wurde die ursprüngliche Entscheidung korrigiert. Dreimal griff die Technik wegen der umstrittenen neuen Regel, wonach Keeper bei Strafstößen zumindest einen Fuß auf der Linie haben müssen, ein. Dazu wurden Fragen nach der Verhältnismäßigkeit laut, doch das zuständige International Football Association (IFAB) hob lediglich für den Fall von Elfmeterschießen die verpflichtende Gelbe Karte auf. Die Premier League hingegen erklärte diese Regel bei der VAR-Einführung kommende Saison den Referees auf dem Platz zu überlassen. „Das sagt doch schon alles, wenn die beste Liga der Welt die Regel nicht umsetzt“, echauffierte sich Englands Ex-Teamspielerin und TV-Expertin Eniola Aluko.