Studie: Völkerball ist "Mittel der Unterdrückung"

Völkerball ist "legalisiertes Mobbing", sagen kanadische Forscher. Stattdessen sollten Schüler die Möglichkeit haben, selbst Spiele im Sportunterricht entwickeln.Michaela Bruckberger/Die Presse

Das weit verbreitete Spiel lehre Kinder, ihre Mitschüler zu „entmenschlichen" und sei „gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing“, ist das Fazit kanadischer Wissenschaftler.

Die einen haben es in der Schule gehasst, die anderen geliebt: Völkerball, eines der bekanntesten Spiele im Sportunterricht, ist kanadischen Forschern zufolge ein „Mittel der Unterdrückung“. Das Spiel lehre Kinder, ihre Mitschüler zu „entmenschlichen" und ihnen zu „schaden", so das vernichtende Ergebnis der Studie, über die die US-amerikanische Zeitung „Washington Post" berichtete und die demnächst im Fachjournal "European Physical Education Review" erscheinen wird.

Völkerball, bei dem zwei Teams gebildet werden und es darum geht, die Spieler der gegnerischen Mannschaft mit einem Ball abzuschießen, sei „gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing", sagte Joy Butler, eine der Autorinnen der Studie, dem kanadischen Sender CBC.  

Dabei wollten die Wissenschaftler in den Interviews mit zwölf- bis 15-jährigen Schülern ganz allgemein über deren Turnunterricht sprechen. Während der Interviews hörten sie allerdings immer wieder dasselbe: Dass die Schüler Völkerball hassen - oder genauer gesagt, die in Nordamerika verbreitete, noch verschärfte Variante namens "Dodgeball“, bei der mehrere Bälle gleichzeitig verwendet werden.

Okay, andere zu verletzen?

Gerade die stärkeren Schüler würden das Spiel nutzen, um schwächere Klassenkameraden zu demütigen, meinten die Forscher. "Die Botschaft des Spiels ist, dass es okay ist, andere zu verletzen“, sagte Butler zur „Washington Post“. Eine Schülerin habe ihr zum Beispiel erzählt, dass sie beim Völkerball immer nach hinten laufe, um sich vor dem Ball zu verstecken: "Ist das, was sie im Unterricht lernen soll?“ fragte sich die Professorin an der British University of Columbia und ehemalige Lehrerin. 

"Sportunterricht sollte ein Ort sein, an dem Lehrer den Schülern dabei helfen, ihre Aggressionen zu kontrollieren anstatt sie auszuleben", sagte Butler. Stephen Berg, Co-Autor und Professor für Pädagogik an der UBC Okanagan, sagte zu CBC: "In der Schule reden wir viel über Freundlichkeit, Empathie und Mitgefühl. Im Sportunterricht verschwinden alle diese Begriffe."

Die Forscher stellten die Erlebnisse, die ihnen Schüler über Völkerball erzählten, in ihrer Studie Theorien zu Spielarten der Unterdrückung in Justiz und Politik gegenüber. Viele davon fanden sich auch in den Aussagen der Schüler wieder.

Schüler Spiele selbst entwickeln lassen

Butler appelliert an Lehrer, mehr über die Spiele im Sportunterricht nachzudenken – und dabei auch auf die schwächeren und stilleren Schüler zu achten. "Sportlehrer sollten für mehr Ausgewogenheit sorgen. Das kann heißen, auf einige Spiele zu verzichten und andere Disziplinen aufzunehmen: Outdoor-Aktivitäten, Fitness, Gymnastik oder Wassersport." Als Alternative empfehlen die Wissenschaftler außerdem, dass Lehrer die Schüler selbst Spiele entwickeln lassen, auf die sie im Schulsport Lust haben. Dabei sollten sich alle Kinder gemeinsam auf die Regeln einigen.

>> Bericht der „Washington Post"

>> Bericht der CBC