Österreichs Nationalteams starten am Wochenende in Ungarn in die EM. Der Wurfsport mit der Scheibe verlangt Spielintelligenz und Athletik, allem voran aber wird Fairness gelebt.
Wien. „Ich schaue der Scheibe einfach gern nach, wie sie sich im Wind verhält.“ So fasst Felix Nemec seine Faszination für Ultimate Frisbee zusammen, und er ist damit nicht allein. Mit dem Männer-Nationalteam tritt der Wiener an diesem Wochenende bei den Europameisterschaften in Györ an, auch eine Frauen- sowie eine Mixed-Auswahl vertreten Österreich bei den Titelkämpfen mit großen Zielen: Sie alle kamen bei den Weltmeisterschaften 2016 in Großbritannien in die Top Ten.
Die Wurzeln des heutigen Turniersports finden sich in den USA der 1960er-Jahre, wo das Regelwerk definiert wurde und von dort aus die sodann patentierte 21 bis 40 cm große und 175 g schwere Kunststoffscheibe ihren Siegeszug über die Kontinente antrat. Ähnlich dem American Football wird mit siebenköpfigen Teams − auch hier gibt es Defense und Offense − auf einem Feld mit Endzonen gespielt. Eine dort gefangene Scheibe bringt einen Punkt, Körperkontakt ist allerdings nicht erlaubt, vielmehr gilt es, die Passwege klug zuzustellen.
Im Gegensatz zu den USA, die seit 2012 eine eigene Profi-Liga haben, ist Ultimate Frisbee in Österreich eine Randsportart. 1979 gründete sich der erste Verein, ein Jahr später der Verband (ÖFSV). Mittlerweile sind 3500 Aktive in allen Disziplinen (Frisbee wird auch am Strand, in der Halle und in einer dem Golf ähnlichen Version gespielt) registriert, 800 davon in Ultimate-Klubs. Nemec fand im Alter von 15 Jahren über einen Freund zum Sport. In der Schule einst laut Eigenaussage eher unsportlich, begeisterte ihn allen voran der gelebte Fairness-Gedanke, den er zuvor etwa im Fußball vermisste. Denn beim Ultimate Frisbee wird auch bei einer WM ganz ohne Schiedsrichter gespielt.
Schneller als der Fußball-VAR
Statt Unparteiischen sind alle 14 Spieler auf dem Feld zugleich auch Regelhüter und können bei einem Verstoß die Partie unterbrechen. Dann diskutieren die Betroffenen den Vorfall aus, gegebenenfalls bringen sich die Kapitäne als Mediatoren ein. Langwierige Diskussionen sind dennoch nicht zu befürchten, denn das Zeitlimit für die Einigung beträgt 30 Sekunden, ansonsten ist der Kompromiss, die Partie in der Konstellation von vor der beanstandeten Szene fortzusetzen. „Definitiv schneller als der Video-Schiedsrichter im Fußball“, lautet deshalb der Tenor beim Medientermin in Wien.
Über diesen respektvollen Umgang auf und abseits des Platzes definiert sich der Sport, wie auch Nationalcoach Michael Zeilinger betont. Er selbst spielte früher Handball und hatte die ruppige Gangart und die versteckten Fouls eines Tages satt. „Hier spielt man auch mit 100 Prozent, geht ans Limit, aber bleibt trotzdem fair“, erklärt er und verweist darauf, dass es deshalb kaum Verletzungen gebe. Nach jeder Partie bewerten die Teams ihre Gegner zudem in fünf Fairness-Kategorien, niedrige Punkte haben Verwarnungen und gegebenenfalls sogar den Ausschluss als Konsequenz. Aber das kommt, wenig überraschend, eigentlich so gut wie nicht vor.
Die physischen Anforderungen sind dennoch hoch, gilt es doch bei der im Turnierformat ausgespielten Meisterschaft oft, mehrere Spiele an einem Tag zu bestreiten. Viermal pro Woche wird bei den heimischen Topklubs trainiert, die Schwerpunkte geben die Nationaltrainer vor. Die einzelnen Auswahlen treffen sich dreimal im Jahr zu mehrtägigen Lehrgängen, um ihre Spielideen zu verfeinern. Weltweit dominieren die USA, in Europa sind Großbritannien (Männer) und Deutschland (Frauen) die Vorreiter – bereits in der Gruppenphase kommt es zum Kräftemessen. Den Auftakt macht das Mixed-Team im EM-Eröffnungsspiel gegen Ungarn am Samstag (14.45 Uhr, Livestream auf euc2019.ultimatecentral.com).
Sehnsuchtsort Los Angeles
Obwohl der ÖFSV als einer von wenigen Verbänden weltweit Förderungen erhält, müssen die Spieler aus der eigenen Tasche mitzahlen. Bei einer EM-Destination wie Györ fällt das weniger ins Gewicht als bei der WM 2012 in Japan. Das könnte sich freilich ändern, wenn Frisbee Aufnahme in das Olympia-Programm findet. Für Tokio 2020 und Paris 2024 stand man bereits auf der Shortlist, ging jedoch leer aus (siehe Artikel rechts). Für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles aber stehen die Chancen gut, denn als US-Trendsport verfügt Frisbee über die entsprechende Lobby. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Wurf, wird erst einmal in Ungarn der Erfolgskurs im Wind gesucht.
AUF EINEN BLICK
Ultimate Frisbee hat seinen Ursprung in den USA. Bei der EM in Györ wird auf Rasen und mit siebenköpfigen Teams gespielt, Ziel ist es – ähnlich wie im American Football – die Scheibe in der Endzone auf dem Feld zu fangen. Körperkontakt ist allerdings nicht erlaubt.
Es gibt keine Schiedsrichter, stattdessen fungieren alle Spieler auch als Regelhüter, die Verstöße melden und den Fall dann ausdiskutieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2019)