Pop

Rod Stewart: Ein Wasserstoffgedopter umarmt die Welt

Rod Stewart bei einem Konzert 2018. in den USA.
Rod Stewart bei einem Konzert 2018. in den USA.(c) imago/ZUMA Press (Donald Kravitz)

Auf der Burg Clam zeigte Rod Stewart, dass er immer noch über jede Menge Stimmcharisma verfügt. Damit verwöhnte und strafte er.

Am Ende tummelten sich sechs tanzende Fräuleins auf der Bühne. Ihre aufreizenden Bewegungen waren perfekt synchronisiert, die Haarfarbe durchwegs blond. Schon 1978 hat Rod Stewart in einem Song behauptet: „Blondes Have More Fun“. Das war vielleicht zu blond gedacht. Sängerkollege Kevin Coyne hat immerhin mal festgestellt: „Even blond girls can have the blues“. In den künstlichen, erotischen Paradiesen, die sich ein Rod Stewart imaginiert, ist kein Blues vorgesehen. Dafür eine strenge Auslese. „You can keep your black and your redheads, you can keep your brunettes too, I wanna girl that's semi intelligent, gimme a blonde that's six feet two”, forderte er damals im erwähnten Song.

Davon ist er nie abgewichen. Sämtliche seiner Gespielinnen waren blond. Auch die aktuellen Musikerinnen an Geige, Harfe und Keyboards. Einzig er selbst schwächelte als Blondin. Stewarts Haare tun offenbar das, was seine Stimme nie tun musste: nachdunkeln. Und so verwöhnte der Wasserstoffgedopte mit raspeliger Soulstimme. Diese hat der heute 74-Jährige an afroamerikanischen Vorbildern wie Sam Cooke geschult. Nicht einmal eine Kehlkopfkrebsoperation im Jahr 2000 konnte ihr etwas anhaben.

Mit Cookes „Having A Party“ ward auf Burg Clam die Richtung vorgegeben: Stewart zelebrierte hauptsächlich Lieder aus seiner besten Phase zwischen 1975 und 1982. Klug, dass er sein aktuelles, ziemlich katastrophales Album „Blood Red Roses“ zur Gänze ausließ. Schade war es bloß um den von Paddy McAloon (Prefab Sprout) komponierten, genialen Song „Who Designed The Snowflake“. Schade auch für McAloon, denn von Stewart gecovert zu werden, garantiert normalerweise höchste Einnahmen. Stewart hat Tom-Waits-Songs genauso an die Chartsspitze gebracht wie Van Morrisons Ballade „Have I Told You Lately“, die er auch an diesem linden Abend in schönster Weise verzärtelte. Doch zunächst tat er sich an „Tonight's The Night (Gonna Be Alright)“ gütlich. Ist dieses Monster von einem Weltumarmungssong einmal auf dem Weg, dann verliert alles menschliche Wirrsal seine Bedrohlichkeit.

Kaum Applaus für ernste Töne

Und doch wurde Stewart zweimal ernst. „Rhythm Of My Heart“ widmete er jenen, die das „ultimative Opfer für Europa“ gegeben haben, nämlich ihr Leben. Er meinte die Soldaten, die vor 75 Jahren in der Normandie gelandet sind. Seltsam still war es da im Publikum. Kaum Applaus erheischte er auch, als er das „touchy subject of homosexuality“ ansprach, das seinem Lied „The Killing Of Georgie“ zugrunde liegt. Davon abgesehen herrschte größtenteils Schunkellaune, obwohl das am Abend eines so heißen Tages olfaktorisch durchaus schwierig sein konnte.

Von „Maggie May“ über „You're In My Heart“ bis hin zu „The First Cut Is The Deepest”, Stewart hielt den Schmeichelfaktor hoch. Mid-Tempo-Groover wie diese, sie zivilisieren. Höhepunkt war der Etta-James-Blues „I'd Rather Go Blind“. Da wähnten sich selbst grobe Gemüter für die Perfektion des Genießens erwählt. „Sailing“ kam mit schönstem Lamento, ehe mit dem Tanzbeat von „Da Ya Think I'm Sexy“ noch einmal die Party aufkochte. Die eigentlich geplante Zugabe „Baby Jane“ ließ Stewart aus. Ein bisschen Strafe war wichtig.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2019)