Bachmann-Preis: Die Frau im Jahr 2184

Symbolbild Jury des Wettbewerbes.
Symbolbild Jury des Wettbewerbes.(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Der erste Lesetag in Klagenfurt brachte eine Schweizer Favoritin. Ebenfalls erfolgreich: zwei Österreicherinnen mit Schaurigem aus Kärnten und aus dem All.

Sofern das Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt einen Beweis für seine Existenzberechtigung braucht: Dessen Auftakt heuer würde schon genügen. Das Glück literarischer Überforderung strahlte schon von den ersten Sätzen aus, die die 39-jährige Schweizerin Katharina Schultens in zu ihrem Text „Urmünder“ so passenden fließenden Tonfall las. „Eine der präzisesten Stimmen“, die hier in Klagenfurt je gelesen hätten, eine Stimme, „die den Text als eine Landschaft modelliert“, sagte bewundernd Jurorin Hildegard Keller.

Aufzeichnungen aus der Zukunft sind das, zweihundert Jahre nach Orwell – im März 2184 – sowie im Juli 2196, aus einem „Archiv an der Spree“. In diesem Dickicht aus botanischen Metaphern und lyrischen Bezügen bekam man tastend zu fassen: eine Biologin als Weltenretterin, den Versuch einer Frau, mit ihrer sterbenden Freundin ein Kind zu bekommen, neue Formen der Fortpflanzung mit Chimären, die wie Mutter Maria angebetet werden, Kinderwunsch, Empfängnis, Geburtsfantasien . . . Und eine Zukunft, in der die Grenzen zwischen den Zeiten aufgehoben sind.

Nicht einmal für die vorbereiteten – großteils elektrisierten – Juroren war das annähernd zu durchdringen. Wie so oft wies der feine innere Kompass Insa Wilkes (die die Autorin auch eingeladen hatte) am besten den Weg: Schultens Text sei voller subtiler Bezüge, die aber nicht der intellektuellen Entschlüsselung von Germanisten harrten; ihr Signale funktionierten eher unbewusst und könnten den Leser so auch führen. „Das ist ein Text, bei dem man auf seine Intuition sehr vertrauen muss.“ Er gebe der Imagination Freiheit, das sei in der Gegenwartsliteratur selten geworden. Etwas skeptisch waren nur Hildegard Keller, die „intensive Verwirrung“ am Werk sah, und Nora Gomringer, auch sie fühlte sich „rausgekegelt“.

 

Sarah Wipauer: Gespenster im All

Allein dass die Wienerin Sarah Wipauer nach diesem Auftritt große Hochachtung erntete, war eine Leistung für sich. Auf Schultens wuchernde Chimären kamen bei ihr Gespenster im All – und zwar 2018 auf der „Raumstation Hirschstetten“, so der Titel des aberwitzigen Textes. „Österreichische Blaublütler okkupieren die ISS“, rekapitulierte respektlos der einzige nicht überzeugte Juror, Michael Wiederstein. Es handelt sich um die Geister des Kinderarztes Clemens von Pirquet und seiner Frau sowie seines Bruders, Guido, der einst Raketentechniker war; dazu kommen Kühe als Ärzte. Und es gibt ein Platzproblem: Sobald jemand von Menschen aus seinem früheren Leben spricht, erscheinen sie im Raumschiff. Klaus Kastberger las den Text als Geschichte darüber, was der Fortschritt für Trümmer und Opfer hinterlasse. Das sprachlich Unspektakuläre verteidigte das Gros der Juroren, Wiedersteins Urteil freilich war deutlich: „zu wenig mutig erzählt“, zu viel „Erklärbär“.

 

Julia Jost: Ein Kärnten der Klischees

Die Verbindung von virtuoser erzählerischer „Rotzigkeit“ (Lob aus der Jury) und allseits beliebtem Thema dürfte einer weiteren Österreicherin noch mehr Preischancen geben: der gebürtigen Kärntnerin Julia Jost, die heute in Hamburg lebt. Ein Klassenfoto von 1989 ruft in ihrem Text „Unweit vom Schakaltal“ Kindheitserinnerungen wach, vom nackerten Buben mit dem Pfarrer in der Sakristei bis hin zum tot geborgenen Buben, der sich beim Sprung in den Brunnen ein darin liegendes „Meine Ehre heißt Treue“-Messer hineingerammt hat. Nur die Juroren Wilke und Wiederstein fanden das zu vorhersehbar. Generell weniger Freude hatte die Jury mit den Beiträgen der Schweizerinnen Silvia Tschui und Andrea Gerster, fand die Sprache im einen Fall „unangemessen“, im anderen behäbig.

Fazit am Donnerstag: ein stark begonnener reiner Frauentag (morgen folgen auch Herren, sie sind mit fünf von 14 Teilnehmern deutlich in der Minderheit). Die traditionelle Eröffnungsrede hatte am Vorabend der Grazer Autor Clemens Setz gehalten, vom Wrestling auf das Wesen der Literatur geschlossen – und von diesem wiederum auf das Verschwinden der Rechtsradikalen und Rechtspopulisten: „Euer System ist ein geschlossenes, und wie alle geschlossenen Systeme erstickt es irgendwann an sich selbst.“