Genozid und mexikanische Party beim Bachmann-Preis

Tag zwei beim Wettlesen in Klagenfurt: reale Gräuel, unstillbare Trauer und Starkes über die heutige Arbeitswelt.

Ein reportageartiger Text über die Gräueltaten des IS an den Jesiden hat am Freitag die beim heurigen Bachmann-Bewerb bisher heftigste Jurydiskussion hervorgerufen: In „Vierundsiebzig“ beschreibt die 1993 geborene deutsche Autorin Ronya Othmann eine Reise der Ich-Erzählerin, die im Irak ihre jesidischen Verwandten besucht. Auf den Spuren der unvorstellbaren Verbrechen stößt sie immer wieder an die Grenzen der Sprache – und die Juroren offenbar an die Grenzen der Literaturkritik. Zwei von ihnen, Hildegard Keller und Nora Gomringer, verzichteten vollständig auf ein literarisches Urteil (der Text sei eine Reportage). Insa Wilke hingegen fand es „gerade in vergangener Zeit“ wichtig, sich literaturkritisch mit reportagehaften Texten auseinanderzusetzen. Die übrigen Juroren lobten etwa den starken Realitätsbezug und die Sprache.

Fast einhellig einverstanden waren die Juroren (ohne die wegen der Hitze ausgefallene Nora Gomringer) mit dem Text der Salzburgerin Birgit Birnbacher über heutige Arbeitswelten, wieder mit einer Ich-Erzählerin: In „Der Schrank“ nimmt diese an einer Langzeitstudie über „Lebensverhältnisse und Neue Arbeit“ teil. Gemischtere Reaktionen, von Zufriedenheit bis Unverständnis, erntete der Text des ersten männlichen Autors (nach einem reinen Frauenparcours am Donnerstag): Der Deutsche Yannic Han Biao Federer erzählt in „Kenn ich nicht“ von einer Trennung.

 

Lagerfeuer mit Partycrasher

Beim zweiten Text eines männlichen Autors hingegen fand sich Klaus Kastberger verwundert als einziger „Partycrasher“ wieder. Alle übrigen hatten vor allem Vergnügen an „Der Fluch“, einer Männergeschichte an einem Lagerfeuer in Mexiko. Sie stammt vom Deutschen Daniel Heitzler, der mit seinen 22 Jahren der jüngste Teilnehmer heuer ist und als Einziger noch nichts veröffentlicht hat. Einen theatralisch effektvollen, emotionalen Vortrag lieferte zum Schluss noch der Schweizer Tom Kummer mit seiner Roadstory „Von schlechten Eltern“. Wie schon früher verarbeitet er auch in diesem Text über einen Taxifahrer den Tod seiner Partnerin. Wie sich der Autor hier „aussetze“ und wie er „mit Oberflächen spiele“, beeindruckte einige Juroren, am Pathos freilich schieden sich die Geister. „Der Text sendet starke Signale“, meinte Insa Wilke. „Aber ich weiß nicht, ob es dadurch ein starker Text wird.“ (sim)