Die Reiselust zum Beruf machen

Reiseleiter müssen Sehenswürdigkeiten kennen. In einigen Ländern dürfen sie nicht zu viel verraten.
Reiseleiter müssen Sehenswürdigkeiten kennen. In einigen Ländern dürfen sie nicht zu viel verraten.(c) Getty Images (SolStock)

Reiseleiter kann prinzipiell jeder werden. Rechtliche Regelungen gibt es dennoch zu beachten. Lösungskompetenz und Stressresistenz sind ebenfalls gefragt.

Das Reisejahr 2019 ist in vollem Gange. Laut Ruefa-Reisekompass haben fast 90 Prozent vor, mindestens einmal zu verreisen, 80 Prozent bis zu dreimal. Immer öfter werden Studien- und Kulturreisen gebucht. Beste Voraussetzungen für all jene, die ihre Leidenschaft für das Reisen beruflich als Reiseleiter ausleben möchten.

„Zu den Aufgaben eines Reiseleiters gehört es, den Tagesablauf zu organisieren, Vorträge im Bus zu halten sowie – je nach Rechtslage in den jeweiligen Ländern – in Städten, in Nationalparks oder bei Ausgrabungen Reisegruppen zu führen“, erklärt Sabine Tanner, Gründerin und Geschäftsführerin der Reiseleiter-Akademie Wien. Sie seien der verlängerte Arm des Reiseveranstalters und für den reibungslosen Ablauf der von den Teilnehmern gebuchten Leistungen verantwortlich. Gleichzeitig müssten sie etwaige Konflikte in der Gruppe sowie mit Leistungsträgern – dazu gehören etwa Hotels oder örtliche Guides – lösen.

 

Länderspezifische Berechtigungen

Stichwort Rechtslage: Reiseleiter ist in Österreich – im Gegensatz zum Fremdenführer – ein freies Gewerbe. Das bedeutet, dass man keine gesetzliche Ausbildung benötigt. Auf der anderen Seite ist das Tätigkeitsfeld aber auch eingeschränkt. „Reiseleiter dürfen Reisegruppen nur begleiten und betreuen sowie Reiseprogramme erstellen“, erläutert Daisy Vögl, Produktmanagerin am Wifi, das eine Ausbildung zum diplomierten Reiseleiter und Reisebetreuer anbietet. An öffentlichen Orten dürfen sie in Österreich nur kurz auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Für tiefergehende Informationen müsse ein berechtigter Fremdenführer hinzugezogen werden.

In Europa unterscheiden sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für Reiseleiter von Land zu Land, weiß Rafael Prehsler, der die im Herbst startende Reiseakademie supported by Ruefa initiiert hat. So sei etwa in Italien die Betreuung von Reisegruppen zwar erlaubt, es dürften aber in Städten sowie bei Sehenswürdigkeiten keine Führungen gemacht werden. „Davon ausgenommen ist die Kommunikation in Bussen und Hotels sowie kurze Erklärungen“, so Prehsler. In Frankreich dürften Reiseleiter hingegen grundsätzlich alles. Damit gehe aber auch ein verstärkter Aufwand einher.

Angesichts dieser Ausgangslage ist es nicht verwunderlich, dass einschlägige rechtliche Grundlagen einen wichtigen Teil der Reiseleiterausbildung ausmachen. Weitere wichtige Themen sind unter anderem Grundlagen in Geschichte, Kunstgeschichte, Stilkunde und Länderkunde, zudem Reiseplanung und -organisation, Gruppendynamik und Konfliktbewältigung sowie Kommunikations- und Sprachtraining.

Umfangreich ist der Praxisteil: An der Reiseleiter-Akademie macht dieser 73 Prozent der sechswöchigen Ausbildung aus. „Die Studierenden werden viel im Ausland unterwegs sein, etwa in Tschechien, Ungarn, Slowenien und Italien“, sagt Tanner. Dazu kommen Stadtspaziergänge in Österreich. Am Wifi stehen Trainingsfahrten im In- und Ausland auf dem Programm, und auch die Reiseakademie supported by Ruefa setzt auf einen umfangreichen Praxisteil mit Trips nach Salzburg und Wien. „Nur durch das Probieren und Erleben erkennt man, worauf es in diesem abwechslungsreichen Beruf wirklich ankommt“, sagt Prehsler.

 

Keine formalen Voraussetzungen

Ausbildungen zum Reiseleiter stehen grundsätzlich allen Altersgruppen und Personen mit unterschiedlichem Background offen. Ein Studium ist ebenso wenig Voraussetzung wie umfangreiche Sprachkenntnisse. Englisch sollte man aber doch beherrschen. Welche persönlichen Eigenschaften sollte man mitbringen? Für Vögl gehören dazu Kommunikationsfähigkeit, Weltoffenheit, Einsatzbereitschaft sowie Interesse für Geschichte, Kunstgeschichte, Religionen und Geografie, weiters, „extrovertiert, offen und serviceorientiert zu sein sowie eine angenehme und ansprechende Art zu haben“. Am wichtigsten seien aber rasche Entscheidungsfähigkeit, Lösungskompetenz, Stressresistenz und die Fähigkeit zum Multitasking.

Den Bedarf an Reiseleitern schätzt Tanner als hoch ein – „vor allem an qualifizierten“. „Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass es praktisch keine ausgeschriebenen Stellen gibt“, sagt sie. Den Absolventen des Reiseleiter-Akademie-Diplomlehrgangs für Studienreiseleitung bietet sie sogar eine Jobgarantie bei Partnerunternehmen. Auch bei der neuen Ruefa-Akademie verweist man auf das eigene Netzwerk beziehungsweise das des Österreichischen Verkehrsbüros. „Der Weg zur beruflichen Tätigkeit ist kurz“, sagt Prehsler. „Allein die Ruefa und assoziierte Unternehmen veranstalten mehrere Hundert Reisen pro Jahr.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2019)