Wer will schon „Migrant“ sein?

Sie bauen unsere Häuser, putzen unsere Wohnungen, versorgen uns mit Obst. Warum fällt es uns so schwer, diese Menschen als Bereicherung zu empfinden? Fremdsein in Österreich: ein Zustandsbericht.

Ich bin Österreicher. Ich bin hier geboren. Warum nennt man mich Migrant?“ So oder ähnlich steht es in Foren, Chats, Blogs und Leserbriefen, geschrieben von Staatsbürgern, männlich und weiblich, denen gesellschaftlich nicht ohne Weiteres zugestanden wird, Österreicher zu sein, obwohl sie es belegen können, schwarz auf weiß und amtlich gestempelt.

Stattdessen nennt man sie Migranten, Zuwanderer, Ausländer, Fremde, Gastarbeiter. Das ist inhaltlich falsch, mindestens fragwürdig. Trotzdem liegen sie in dieser Schublade, ob sie wollen oder nicht. Und leicht ist es nicht, da herauszukommen. Inzwischen ist die Zuschreibung Migrant eine Wertung geworden. Denn sie basiert auf biografischen Details der so bezeichneten Personen, auf ihrer Herkunft, Kultur und Religion, auf ihren familiären und daher genetischen Wurzeln. Deren gemeinsames Merkmal ist, dass sie außerhalb Österreichs liegen und meist eher südlich davon. Für solche Herkunftswertung gibt es ein Wort: Rassismus.

Wen überrascht es da noch, dass auch der Migrationshintergrund von denen, die ihn haben sollen, schon längst nicht mehr gewollt wird? Sie wollen nicht jemand mit Migrationshintergrund sein. Sie wollen einfach nur Mensch sein. Zudem tauchen die Begriffe in öffentlichen Diskursen fast ausschließlich im Zusammenhang mit negativ konnotierten Themen auf, mit Verbrechen, irgendwelchen Unannehmlichkeiten, Beschränkungen, Vorwürfen. Allmählich muss man in Erwägung ziehen, die Worte „Migrant“, „Migrationshintergrund“, „Zuwanderer“ als diskriminierend abzulehnen.

Es ist verständlich, wenn Kinder, die zweisprachig aufwachsen, Sprachdefizite aufweisen. Aber woher stammen die Sprachdefizite der Poster auf den Internetplattformen, die gegen „Asylanten“ und „Mohammedaner“ wettern?

Man werfe einen Blick auf die Kommentare in den Online-Ausgaben der Zeitungen zu Themenkomplexen wie Islam, EU-Beitritt der Türkei, Asylwerber, Integration. Sie offenbaren nicht nur einen ideologischen Abgrund, von dem man einmal glaubte, er wäre überwunden, sondern auch ein intellektuelles Niveau, das erbärmlich ist. Die Sprachkompetenz derer, die glauben, sie hätten das Recht gepachtet, hier zu sein, ist nicht höher als die Sprachkompetenz derer, denen sie dieses Recht absprechen. Bloß die Syntaxfehler, die sie machen, sind verschieden.

Wenn also alle nicht Deutsch können, weder die einen noch die anderen, dann müssen die Sprachdefizite gesellschaftliche Ursachen haben. Dann wäre die Bildungspolitik gefordert. Man könnte die sprachlichen Mängel gleichzeitig mit jenen der Gesinnung bekämpfen.

Bei den Kindern muss man ansetzen. Der Schweizer Sozialwissenschaftler Jörg Stolz, Lehrstuhlinhaber an der Universität Lausanne, erkennt in seiner „Soziologie der Fremdenfeindlichkeit“, dass Letztere mit steigendem Bildungsniveau abnimmt. Stolz plädiert auch für gleiche Rechte, für das aktive und passive Wahlrecht. Denn Wähler müssen umworben werden, man muss sie ernst nehmen, ihre Interessen berücksichtigen. Das würde ihren sozialen Status erhöhen: Wähler sind Bürger. Leider hat das anscheinend nur eine Partei erkannt, jene die polarisieren und nicht ausgleichen will. Bisher sind in Österreich ganze Gruppen von Bewohnern, Hunderttausende von Menschen, nur als Arbeiter und als Konsumenten erwünscht, nicht als Nachbarn, schon gar nicht als Mitschüler für die eigenen Kinder.

Dabei läge in den jungen Jahren die größte Chance, die Kulturträger einander näherzubringen. Bekanntlich ist die Schule nach dem Elternhaus die wichtigste Einflussgröße für die Eingliederung in die Gesellschaft. Auf der anderen Seite brauchen wir soziale Aufsteiger, die Ansehen genießen. Das kann nur über Bildung passieren. Leute mit Namen, die anders klingen, müssen Führungspositionen bekleiden in Politik, Wirtschaft und vor allem in den Medien. Nicht in der Migrantenecke und in der Migrantensendung sollen sie Migrantennischen für sich und einander schaffen, das ist nur eine raffinierte Form der Ausgrenzung und fördert Parallelgesellschaften. Normale, geachtete Stellen soll man sie bekleiden lassen.

Vorerst gibt es solche Identifikationsfiguren fast nur in der Kunst und im Sport. Niemand fragt eine Anna Netrebko, einen Ilija Trojanow, einen Ivica Vastic nach Vater oder Großvater. Wir akzeptieren sie, sie sind ein Beweis dafür, dass wir nicht xenophob sind. In Wirklichkeit machen wir sie zu unseren Vorzeigezuwanderern, unseren Modellmigranten, was wieder nur eine Fremdzuschreibung ist. Sie sind die guten Fremden, die, die wir mögen, denn sie haben etwas geleistet.

Wir schäkern an der Supermarktkassa, wenn die Schlange besonders lang ist, mit den Kleinkindern der anderen Wartenden, selbst wenn sie ein bisschen anders aussehen als wir selbst. Auch damit beweisen wir, dass wir nicht gegen Fremde sind. Wir freuen uns, dass wir so nett sind, und verlassen beglückt den Laden. Wir haben auch nichts gegen Abwechslung in der Küche und in der Kunst, zwischendurch ein Kebab, garniert mit einem Schuss Rai, Rap oder Hiphop.

In Wien fängt der Balkan an, sagt man in Wien, und das war immer die Stärke der Stadt. Das ist kein Plädoyer für Kulturrelativismus und auch nicht für Multikulti, im Gegenteil, die Kulturen bestehen nicht nebeneinander, sondern ineinander und tragen Verantwortung füreinander. Wenn Menschen sich mehr als einer Kultur zugehörig fühlen, entwickeln sie doppelte, hybride Identitäten, wie dies in der postkolonialen Theorie ausgeführt und auch in ihrer Galionsfigur Homi Bhabha repräsentiert wird, der selbst qua Herkunft und Beruf zwischen den Kulturen, den Lehrstühlen und den Kontinenten pendelt.

Sie fühlen sich als europäische Muslime, als türkischstämmige Österreicher, als arabische Wiener, als österreichische Ägypter, Türken, Muslime. So vielfältig wie die Individuen sind auch die Konstruktionen ihrer Identität. Manche fühlen sich überall fremd, in der alten wie in der neuen Heimat. In der Studie „Türkische Migranten in Österreich“, die im Vorjahr erschien, durchgeführt von Turgut Gümüsoglu und anderen, sagten zwei Drittel der Befragten, dass sie sich in Österreich fremd fühlen. Interessant auch, dass sie sich eher als Europäer fühlen denn als Österreicher.

Eine ebenfalls kürzlich erschienene Untersuchung („Muslims in Europe: A Report on 11 EU Cities“) vom Londoner Open Society Institute zeigt ähnliche Ergebnisse, besonders auch für Deutschland. Sie sind überzeugte Berliner und Hamburger. Nicht ganz so gern sind sie Deutsche, und noch weniger sind sie der Meinung, von Deutschen als Deutsche betrachtet zu werden. Warum fällt es so schwer, diese Menschen als Bereicherung zu empfinden? Sie bauen unsere Häuser, putzen unsere Wohnungen, kümmern sich um die innerstädtische Lebensmittelversorgung, bewahren bedrohte Gewerbe vor dem Aussterben, sind Schneider, Schuster, Bäcker, sind die Fleischhauer, die die besten Lammkoteletts liefern. Sie räumen Kanäle aus und Schnee weg, erhalten also das Getriebe am Laufen. Ohne sie würden wir mitsamt der Zivilisation, auf die wir so stolz sind, im eigenen Dreck verkommen. Zunehmend betreuen sie auch unsere Kranken, unsere Alten, unsere Eltern.

Ihnen gebührt Respekt, der Respekt, der einer anderen Kultur gebührt, und die Achtung, die jenen Menschen gebührt, die uns das Leben erst lebenswert machen. Und kein Neid auf ihre Arbeitsplätze, die ohnedies kein Alteingesessener haben will, kein Neid, wenn sie erkranken und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen, wofür sie ohnedies vorher Beiträge bezahlt haben.

Ich stelle mir vor: Meine Eltern oder Großeltern sind ausgewandert nach Djibouti, Uttar Pradesh, in die Innere Mongolei oder sonst wohin. Ich bin geboren und aufgewachsen in diesem Land, dessen Verfassung sich auf die Menschenrechte beruft, das seinen Bürgern freie Religionsausübung garantiert. Das Gotteshaus, das meine Gemeinde dazu gern bauen würde, wird abgelehnt, nicht vom Gesetz, aber von Teilen der Bevölkerung, weil es angeblich das Landschaftsbild verunziert. Zu den langen Kitteln, die ich gerne trage, erklären mir meine Nachbarn und auch Leute an der Supermarktkassa, die ich gar nicht kenne, sie seien unpraktisch und zu heiß.

In meiner Kultur ist es üblich, den Körper in der Öffentlichkeit zu bedecken und sich nicht vor aller Welt zu entblößen. Ich trage daher auch zum Schwimmen entsprechende Kleidung. Von dieser wird nun behauptet, dass sie die Wasserpumpen verstopfe, dass ich damit zu viel Wasser aus dem Becken hinaustrage. Zugegebenermaßen muss meine Kleidung im Bad für die, die sich die Einheimischen nennen, komisch wirken, denn sie tragen selbst fast gar nichts. Ich habe aber den Eindruck, dass diese technischen und ökonomischen Details bloß ein Vorwand sind und dass man mich eigentlich nicht sehen will. Deswegen gehe ich dort nicht mehr hin.

In meiner Religion ist Sexualität außerhalb der Ehe verboten, in meiner Umgebung aber ist Sexualität, wie mir scheint, so etwas wie ein Hochleistungssport geworden. Da ich meine Tochter solchen Anfechtungen nicht aussetzen will, lasse ich sie nicht auf Schulausflüge mitfahren. Trotz dieser angeblich so freien Sexualität wollen Eltern aber nicht, dass ihr Sohn meine Tochter heiratet. Noch weniger wollen sie, dass ihre Tochter meinen Sohn heiratet.

Da es in unserer Gemeinschaft wesentlich mehr Männer als Frauen gibt, muss mein Sohn sich in unserer alten Heimat nach einer Frau umsehen. Abgesehen von den unendlichen behördlichen Schwierigkeiten, die dabei zu überwinden sind, glauben jetzt unsere Nachbarn, man habe das Mädchen gezwungen, meinen Sohn zu heiraten. Sie beherrscht die Landessprache noch nicht ausreichend, um zu erklären, dass sie die Ehe freiwillig eingegangen ist. Dabei sieht man den jungen Leuten auf den ersten Blick an, dass sie verliebt sind, bloß unsere Nachbarn sehen es nicht.

Das Allermerkwürdigste aber ist, dass unsere Nachbarn sehr gerne ins Land unserer Vorfahren auf Urlaub fahren, sie sagen, dort sei alles so billig, die Landschaft so schön, es gebe kulturell so viel zu besichtigen und die Leute seien so freundlich. Wenn ich aber die Zeitung aufschlage, dann lese ich von irgendwelchen Verbrechen, die die Angehörigen meiner Religion begangen haben, verabscheuungswürdige Verbrechen, die in jeder Zivilisation, die diesen Namen verdient, verboten sind, ich lese, dass man Zuwanderungsbeschränkungen braucht, nahezu täglich steht da etwas Negatives über mich, kurz, ich lese, dass man mich hier nicht haben will. Ich lese nicht mehr oft Zeitungen. Man wirft mir jetzt vor, dass ich mich nicht integrieren will.

Ja, so wäre das, irgendwo, aber nicht hier in Österreich natürlich, denn wir sind ja eine europäische Wertegemeinschaft, seit Jahr und Tag versichern uns dies Politiker in ihren Sonntags- und Wahlreden, und wir glauben ihnen, denn darin sind sich alle Parteien einig. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2010)