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Schädel auf Stativ

Er war Maler und Gelehrter, Heiliger und Heiler, aber auch Sozialrevolutionär: In der Mongolei des 19. Jahrhunderts prangerte Danzan Ravjaa die Korruption an. Sein Werk über seine Heimat hinaus bekannt zu machen war für mich ein guter Grund, mich auf Schatzsuche in die Wüste Gobi zu begeben.

Am 1. August 2009 hoben wir in der Wüste Gobi einen Teil des Schatzes eines lokalen Heiligen und übertrugen das Ereignis live ins Internet. Es war eine Story, die um die Welt ging. Zeitungen von Japan bis Brasilien berichteten darüber und der hiesige Boulevard erklärte mich zum „österreichischen Indiana Jones“. Die vordergründige Abenteuergeschichte war allerdings nicht das, was wir der Welt vermitteln wollten.

Irgendwann im Jahr 1856 stirbt Danzan Ravjaa im Alter von nur 53 Jahren an vergiftetem Wodka. Er war die fünfte Wiedergeburt aus der tibetisch-buddhistischen Reinkarnationslinie der „Noyon Khutugts“, der „Wilden Heiligen aus der Wüste Gobi“. Sein Ruhm überstrahlte alle seine Vorgänger: Er schrieb 600 Lieder und Gedichte sowie eine Oper, deren Aufführung in der Langfassung auf ein ganzes Monat ausgedehnt werden konnte. Er gründete das dazugehörige Opernhaus, eine fahrende Schauspielertruppe und eine Schauspielschule. Er war Maler und Gelehrter, Heiliger und Heiler; er gründete viele Klöster und ein Museum; und er war Politiker, um nicht zu sagen: Sozialrevolutionär. Er gründete die erste Schule, in der Kinder ohne Ansehen ihres Standes oder ihres Geschlechts gemeinsam unterrichtet wurden. Er setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen und für die Rechte der Nomaden ein. Er prangerte die grassierende Korruption an, sowohl unter den Beamten der Manchu-Dynastie, die damals über dieses Gebiet herrschte, als auch unter den eigenen buddhistischen Würdenträgern im 400 Kilometer entfernten Khuree, dem heutigen Ulan Bator. Sein Tod kam daher nicht überraschend: Die Flasche mit dem vergifteten Wodka hatten ihm vermutlich Manchu-Würdenträger zukommen lassen.

Danzan Ravjaas Vertrauter war ein hochrangiger Lama namens Balchinchoijcho. Er schwor einen Eid, das Erbe von Danzan Ravjaa zu beschützen, und wurde dafür zum Takhilch ernannt, zum Verwalter seines Erbes. Der Legende nach segnete Danzan Ravjaa seine Familie und erklärte, dass alle Nachfolger Balchinchoijchos aus dessen Nachkommenschaft stammen und an einem speziellen Muttermal am Rücken zu erkennen sein werden.

Balchinchoijcho vermutete, dass die Manchu nach Danzan Ravjaas Ende alles daran setzen würden, um die Erinnerung an den unbequemen Meister auszulöschen. Er verpackte daher seinen gesamten Nachlass – Statuen, Bücher, Ritualgegenstände, Opernkostüme, Gemälde, Originalmanuskripte et cetera – in 1500 Kisten und ließ diese in einem eigens errichteten Gebäude, dem „Weißen Tempel“ in Danzan Ravjaas Hauptsitz, dem Kloster Khamarin Khiid, aufstapeln. In die Mitte platzierte er die mumifizierte Leiche des Heiligen. Dann erklärte er den Weißen Tempel zum Grabmal, im Bewusstsein, dass selbst die Manchu niemals ein Grab schänden würden. Seine Rechnung ging auf, die Mumie und der in den Kisten verstaute Schatz blieben die nächsten 80 Jahre unversehrt.

Im Jahr 1937 war die mongolische Version der Kulturrevolution in vollem Gange. Mongolisches Militär zerstörte mit Unterstützung durch Stalins Rote Armee fast das gesamte buddhistische Erbe der Mongolei. Der junge Lama Tuduv, Ururenkel von Balchinchoijcho und Träger des Takhilch-Muttermales, hatte nun die Verantwortung für den Nachlass. Zunächst äscherte er die Mumie ein und hob die Asche in einer Urne auf. Danach zog er unter völliger Geheimhaltung jede Nacht hinaus in die Wüste, und vergrub jeweils eine der Kisten. Nach 64 Nächten und ebenso vielen vergrabenen Kisten erreichte die Rote Armee Khamarin Khiid und brannte das Kloster nieder. Lama Tuduv begann nun ein unauffälliges Leben als Nomade und behielt sein Geheimnis die nächsten Jahrzehnte für sich.

Tuduv hatte eine Tochter und einen Adoptivsohn, aber keinen Nachkommen mit dem auffälligen Muttermal. Erst 1960 ereilte ihn ein Anruf aus Ulan Bator: Seine Tochter hatte soeben ihr drittes Kind geboren, und dieses trug ein ähnliches Muttermal wie der Großvater. Tuduv wusste nun, dass die Linie der Takhilchs nicht unterbrochen werden würde, und übernahm die Erziehung und Ausbildung seines Enkels Altangerel. Dieser musste – immer noch unter strengster Geheimhaltung – ein hartes Training über sich ergehen lassen. Der Großvater ließ ihn nicht nur den exakten Inhalt und das Versteck jeder Kiste auswendig lernen, er musste auch jedes Detail aus Danzan Ravjaas Leben und Werk wissen und wurde so zum Bewahrer der materiellen und auch der spirituellen Schätze Danzan Ravjaas herangebildet.

Tuduv starb 1990, und im selben Jahr – nach dem Ende des Kommunismus in der Mongolei – eröffnete Altangerel das Danzan Ravjaa Museum in der Provinzhauptstadt Sainshand, 30 Kilometer von Khamarin Khiid entfernt. Der Inhalt des Museums bestand aus einem Teil jener Kisten, die Tuduv 53 Jahre zuvor unter Einsatz seines Lebens vergraben hatte. Nach und nach begann Altangerel, weitere Kisten auszugraben, aber das kleine Museum und das dazugehörige Depot waren bereits prall gefüllt, daher erschien es ihm opportun, die übrigen rund 20 Kisten im Sand liegen zu lassen, bis sich die Verhältnisse bessern würden.

Der erste, der die Geschichte von Danzan Ravjaa und den Takhilchs einem breiteren Publikum im Westen näherbrachte, war der US-Journalist Michael Kohn in seinem 2006 erschienenen Buch „Lama of the Gobi“. Dieses Buch fiel mir im Sommer 2008 in Ulan Bator in die Hände. Die Geschichte des exzentrischen Heiligen sollte mich nicht mehr loslassen. Im darauffolgenden Oktober erreichte mich ein Anruf aus Linz: Für das Projekt „80+1– eine Weltreise“ im Rahmen von Linz 2009 suche man noch nach Ideen für eine interaktive Installation mit der Mongolei. Ich dachte an die Kisten und schlug halb im Scherz vor, man könnte diese doch ausgraben und das als Event live via Satellit nach Linz übertragen. Mein zweiter Gedanke war dann: Warum eigentlich nicht? Altangerels Handynummer war schnell ausfindig gemacht. Sergelen Bayasgalan, Student in Wien und mit mir gemeinsam in der Österreichisch-Mongolischen Gesellschaft engagiert, übernahm die Kommunikation. Er stellte Altangerel das Projekt vor und erhielt ein lautes und deutliches „Vielleicht“ als Antwort.

Es folgte eine Reihe von E-Mails und Telefonaten, in denen es nicht nur darum ging, Altangerel von der Aktion zu überzeugen, sondern auch darum, die technischen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen. Im April flogen Sergelen und ich für eine Woche in die Mongolei, um endgültig zu klären, ob das Projekt eine Chance auf Verwirklichung habe. Altangerel sagte schließlich zu, außerdem wurden wir mit dem Geschäftsführer der privaten mongolischen Fernsehstation TV-9 handelseins, der sich bereit erklärte, das erforderliche Equipment und ein fünfköpfiges Team zur Verfügung zu stellen.

Da die Mehrheit unseres Teams dem Buddhismus zumindest nahesteht, war es unser ureigenstes Anliegen, Danzan Ravjaa und sein Werk über die Mongolei hinaus bekannt zu machen, denn er repräsentiert einen durchaus zeitgemäßen Typus des buddhistischen Heiligen: Er war kraftvoll und engagiert, streitbar und spirituell zugleich. Die verborgenen Schatzkisten erschienen uns als medientaugliches Vehikel.

Der Rest der Geschichte verlief so glatt, wie wir es nicht erträumt hatten. Immerhin standen die Wetten, dass das Projekt schiefgeht, ziemlich hoch. Eine Woche vor dem Tag X fuhren wir nach Sainshand, um das Set zu besichtigen, um kleine Videos als Pausenfüller für den Live-Stream vorzuproduzieren und um die lokalen Vorbereitungen zu koordinieren. Am Vorabend der Übertragung kam das Team des mongolischen TV-9 in Sainshand an. Am Morgen des 1. August brachen wir im Konvoi zur Fundstelle auf, für 30 Kilometer über Sandpisten und Dünen benötigten wir zwei Stunden. Insgesamt waren nun 17 Leute und drei Kamele am Set. Als die Satellitenanlage und die Dieselaggregate tatsächlich funktionierten, fiel schon ein Teil der Spannung von uns ab.

Die Übertragung begann pünktlich um 18 Uhr, und nach knapp 45 Minuten stießen wir auf jene beiden Kisten, auf deren Bergung wir mehr als ein halbes Jahr hingearbeitet hatten. Altangerel erklärte vor laufender Kamera jedes einzelne Fundstücke, darunter seltsame Ritualgegenstände wie etwa eine Schale aus einem menschlichen Schädel auf einem dreibeinigen Stativ. Nach zwei Stunden Übertragung, mehr als 100.000 Zuseher verfolgten das Live-Streaming, hatten wir unser Ziel erreicht.

Epilog: Michael Kohn, der Autor des Buches über Danzan Ravjaa, lebt heute mit seiner Familie als Korrespondent von BBC und AFP in Ulan Bator. Seine Meldung über die Schatzsuche wurde weltweit verbreitet, und noch am Set gab ich bereits die ersten Interviews. Damit war eine Lawine losgetreten: In fast allen Berichten überlagerte aber der „Indiana-Jones-Aspekt“ unsere tatsächlichen Anliegen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2010)