Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Filmkritik: Dostojewskis geniale Übersetzerin

Filmkritik Dostojewskis geniale uebersetzerin
(c) Stadtkino
  • Drucken

„Die Frau mit den 5 Elefanten“ – ein Porträt Swetlana Geiers (Gartenbaukino) - mit elegischem Ton und ruhiger Hand erzählt Vadim Jendreyko ein ganzes Leben.

Eine alte Frau, die kocht, mit großer Familie feiert, um ihren verunglückten Sohn bangt, der sterben wird. Die erstmals in ihre Heimat Ukraine zurückkehrt, seit sie von dort im Zweiten Weltkrieg flüchten musste. Vadim Jendreykos Dokumentarfilm „Die Frau mit den 5 Elefanten“ erzählt mit elegischem Ton und ruhiger Hand ein ganzes Leben. Spannend aber wird es, wenn sich diese alte Frau an ihren Schreibtisch in ihrem Haus in Freiburg im Breisgau setzt, um mit Hilfe einer Sekretärin (an der mechanischen Schreibmaschine) oder eines kritischen alten Zuhörers, eines pensionierten Musikers, zu übersetzen.

Dann herrscht höchste Konzentration, ein heiliger Ernst. Es geht ums Ganze, um die perfekte Übertragung genialer Texte aus dem Russischen. Man wird sinnlich Zeuge, wie die Schönheit der Sprache entsteht, wie exaktes Denken funktioniert. Denn die Dame ist Swetlana Geier. Sie hat unter anderem in den letzten 20 Jahren die fünf großen Romane Dostojewskis übersetzt (für den Zürcher Ammann-Verlag, der Ende Juni von seinen Besitzern aufgegeben wird). „Das sind meine fünf Elefanten“, sagt sie und streichelt liebevoll über die vom Lesen abgenutzten Bände. Jendreyko hat die heute 87-Jährige, die derzeit an „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ arbeitet, monatelang begleitet. Sie durfte nicht angesprochen oder sonstwie gestört werden. Das hat dem mehrfach preisgekrönten Film gut getan.

 

Der Terror Stalins und Hitlers

Seit mehr als einem halben Jahrhundert übersetzt Geier russische Literatur ins Deutsche. 1943 flüchtete sie mit ihrer Mutter aus Kiew, wo sie für die Deutschen als Dolmetscherin gearbeitet hatte und deshalb als Kollaborateurin galt. Der Vater war bereits 1939 als Opfer des Stalin-Terrors umgekommen. Die finstere Zeit wird lebendig, wenn die Tochter 70 Jahre danach bei der Reise nach Kiew lakonisch davon erzählt, ohne zu klagen. Doch der Horror ist an ihren müden Augen abzulesen, die beim Verfassen der zeitgemäßen Texte so verschmitzt und lebenslustig blickten.

In ihrer neuen Heimat arbeitete Geier an der Universität, aber ihre Leidenschaft galt dem Übersetzen. Dabei wird um jedes Wort, jede Pause, um jeden Punkt gerungen. Sie fühlt Dostojewski den Puls. Unerschöpflich sind diese Werke oder, wie Swetlana Geier einmal sagte: „Die ganz große Literatur ist für uns Durchschnittsmenschen eigentlich unerreichbar.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2010)