Sonntagsspaziergang: Als ORF-Mitarbeiterin hat Brigitte Kulovits-Rupp vor dreißig Jahren ihre Karriere begonnen. Nun ist die Sprecherin der AK Burgenland die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrates.
Grün so weit das Auge reicht. Und erst diese Ruhe. Man ahnt, warum sich Brigitte Kulovits-Rupp ausgerechnet hier treffen wollte. Im ORF-Landesstudio Burgenland. Erstens, weil die gebürtige Burgenländerin selbst einige Jahre in dem Haus gearbeitet hat, bevor sie 1988 zur Arbeiterkammer Burgenland gewechselt ist. Zweitens hat sie es von ihrem Haus in Mattersburg nicht weit hierher in den Buchgrabenweg am nordöstlichen Rand von Eisenstadt. Und drittens: Die Ruhe und Abgeschiedenheit, die das Landesstudio am Fuße des Leithagebirges umgibt, dürfte für Kulovits-Rupp derzeit einen ganz speziellen Reiz haben.
Vor drei Wochen wurde die Sprecherin der Arbeiterkammer Burgenland als erste Frau überhaupt zur Vorsitzenden des ORF-Stiftungsrats gewählt. Seither ist viel passiert. Sie wurde spöttisch als „Quotenfrau“ und als „Proporzlösung“ bezeichnet. „Beide Sachen sind nicht sehr schmeichelhaft“, sagt sie. Dass sich SPÖ und ÖVP und die jeweiligen „Freundeskreise“ der Parteien letztlich auf sie geeinigt haben, streitet sie nicht ab. Sie glaubt aber, dass ihr die Mitglieder (31 von 35) des Stiftungsrates „Vertrauen geschenkt haben, und die werden das auch nicht wider besseres Wissen getan haben“.
Den ORF und die Abläufe im Stiftungsrat kennt Kulovits-Rupp gut. Seit neun Jahren sitzt sie im Stiftungsrat, seit 2002 leitet sie den Programmausschuss. Neu ist nur, wie die Öffentlichkeit, die Medien auf ihre Bestellung reagieren. „Ich erlebe nun Dinge, von denen ich nie angenommen hätte, dass sie mir einmal passieren werden. Plötzlich geben Leute Kommentare über mich ab, glauben, mich einschätzen zu können. Die Haut ist dicker geworden. “
Ohne Maulkorb. Als „Schlangengrube“ würde sie den ORF nicht bezeichnen. „Aber er ist sicher heikles Terrain, weil er unter Beobachtung der Öffentlichkeit steht. Es ist ein sehr spezielles Unternehmen“, sagt sie. Aber auch eines, das sie ehrlich mag und schätzt, wie man spüren kann.
Mit dem Fernseher ist die gebürtige Mattersburgerin groß geworden. Aufgewachsen ist sie in derselben Gasse wie der heutige ORF-Kommunikationschef Pius Strobl (der ihre Interviewtermine koordiniert). „Den ersten Apparat haben wir im Februar 1968 bekommen, pünktlich zu den Winterspielen in Grenoble. Weil das Interesse für Medien und Politik ausgeprägt war, war das Studium der Publizistik mit den Nebenfächern Politik und Kunstgeschichte naheliegend. Ab Herbst 1976 studiert sie in Wien, beginnt bei der Jugendsendung „Ohne Maulkorb“. Aus dem Nebenjob wird der Hauptberuf; das Studium, das sie zügig begann, schließt sie nicht ab. „Vielleicht kommt das noch in der Pension“, meint sie und lacht.
Fünf Personen, vier Fernseher. 1982 wechselt sie ins Landesstudio Burgenland. Dort ist nach sechs Jahren und einigen internen Querelen, die sie heute nicht mehr kommentieren möchte, erst einmal Schluss. Sie betont, dass sie es war, die damals beschlossen habe, zu gehen. „Das war gut und richtig so“, betont sie heute. Und freilich, der Weggang war gewissermaßen eine Chance, später als Stiftungsratsmitglied und nun als dessen Vorsitzende ins Unternehmen zurückzukehren. „Ich bin natürlich nicht mehr Teil der Redaktion“, sagt sie heute. „Aber ich fühle mich immer noch als ORF-lerin, weil ich dieses Unternehmen als ausgesprochen wichtig empfinde.“
Der ORF und das Burgenland sind die zwei Konstanten im Leben von Kulovits-Rupp. Die dreifache Mutter (ein Sohn, 19, ein gemischtes Zwillingspaar, 14) lebt nach wie vor in Mattersburg. Der Fernseher hat in dem Fünfpersonenhaushalt eine wichtige Rolle. Vier TV-Geräte besitzt die Familie. Wie oft läuft der ORF? „Bei den Kindern weniger, aber durchaus gezielt“, gibt sie zu. Das ORF-Problemkind „Chili“ schaue sie kaum. „Und ich bin davon überzeugt, das Schicksal des ORF hängt nicht an ,Chili‘.“
Dennoch, den Schwerpunkt ihrer Arbeit im Stiftungsrat will sie beim Programm setzen. „Dem ORF wird oft vorgeworfen, er sei verwechselbar.“ Sie denkt, der Sender brauche beides: Serien und gute Eigenproduktionen. Auf Letztere müsse man vermehrt setzen. Auch wenn der ORF zuletzt „rigoros gespart“ habe, gebe es da immer noch Verbesserungsbedarf. Die teuren Landesstudios würde sie aber nicht abschaffen, weil „Bundesland heute“ die höchsten Marktanteile habe. „Es wäre verrückt, den Bestseller abzuschaffen.“ Und es ist vermutlich noch ein Grund mehr, warum sie sich hier, im Landesstudio, treffen wollte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2010)