Der Held der Maultrommel

Albin Paulus mit der Geierklarinette in seinem Schrebergarten am Schafberg.
Albin Paulus mit der Geierklarinette in seinem Schrebergarten am Schafberg.(c) Clemens Fabry

Albin Paulus hat sich auf Schräges spezialisiert: Er spielt Dudelsack und Maultrommel, jodelt – und baut Flöten aus Geier- und Mammutknochen.

Die Maultrommel kam über die Mutter in Familienbesitz. Albin Paulus war damals geschätzt zwischen fünf und sieben, „eher fünf“, und spielte mit der Maultrommel, bis sie kaputt war. Dann bekam er eine neue. Damals erlebte die Maultrommel gerade wieder einmal einen Hype, die Brüder Mayr waren die Stars ihres Gebrauchs in der echten Volksmusik. „Wie kann das gehen, dass das so klingt?“, fragte sich Paulus – und übte und übte.

Erst mit 19 im Musikwissenschaftsstudium in Wien sollte er erfahren, wie die alpine Maultrommeltechnik funktioniert, „nämlich mit mehreren Maultrommeln. Deshalb hat es auch so anders geklungen.“ Er klemmte sich wissenschaftlich dahinter, erkundete das Maultrommelvirtuosentum des 18. und 19. Jahrhunderts. Spätestens mit 20 hatte er die alpine Technik intus und die Noten der Maultrommelkonzerte des Beethoven-Lehrers Johann Georg Albrechtsberger vor sich. Damals stand das Instrument für die „Zurück zur Natur“-Bewegung, aber auch als Vehikel für okkulte Séancen war sie beliebt. Seit Paulus 1991 im Wiener Augarten Maultrommelspieler aus dem sibirischen Jakutien gehört hat, kann er den Gedanken nachvollziehen: „Das hatte nichts mehr mit einer menschlichen Welt zu tun.“

Die Freude am Auftritt erfasste ihn bald. Er kann sich an ein Konzert mit dem Concilium musicum im Musikverein erinnern. „Wozu arbeiten?“, dachte er damals mit Hinblick auf die angedachte Akademikerkarriere. „Das macht hier viel mehr Spaß.“ Zumal ihn nicht nur die Maultrommel interessierte. „Ich bin auf alles losgegangen wie ein Irrer.“ Auch auf den Dudelsack. Diesen (nur) für typisch schottisch oder irisch zu halten ist ein verbreitetes Missverständnis. Schilfrohr mit oder ohne Sack zu spielen, das sei im Prinzip uralt. Bis in die 1950er-Jahre war der Dudelsack auch in Mitteleuropa verbreitet. Paulus' Großvater stammt aus dem Waldviertel, weiß, wie ein mährischer Bock klingt. „In den Dreißigern haben ihn die Bärentreiber in Maria Dreieichen beim Kirtag gespielt.“

Paulus selbst kann sich erinnern, eine DDR-Reportage über eine böhmische Hochzeit im Fernsehen gesehen zu haben: Als Kind von Österreichern in München geboren, war er in Braunschweig aufgewachsen, dort konnte man auch Ost-Rundfunk empfangen. Seinen ersten Dudelsack baute er nach einem Mittelalterfest selbst, aus einer Tin Whistle und einem Plastiksack. „Ich war“, sagt er, „ein totaler Nerd.“

 

Obertöne zum Duschen

Ein Nerd, der auch noch Jodeln übte: Auch das hatte seine Mutter, drei, vier Lieder singend, in die Familie eingeführt. Mit acht kaufte sich Paulus dazu eine Kassette. Später half er im Volksliedwerk bei der Forschung. Das Obertonsingen hat er wiederum einem Vietnamesen abgeschaut, der sich selbst dabei mit Ultraschall gefilmt hat. Danach habe es freilich noch jahrelang Duschsessions gebraucht, bis er es konnte. „Ich hatte“, sagt er, „Lust auf alles, was schräg und ungewöhnlich ist und nicht den Klischees entspricht.“

Vielleicht, überlegt Paulus, habe seine Abneigung gegen Schubladen ja auch mit seiner Herkunft zu tun. Nach außen sei er Piefke, nach innen Ösi, sagt ein Freund über ihn. Vorurteile gab es da wie dort. Seine musikalische Familie fand er in Frankreich, beim Festival in Saint-Chartier. „Ich war eine Woche dort und hatte 40Grad Fieber vor Begeisterung“, erinnert er sich an das erste Mal bei dem Woodstock für Folk- und Volksmusik, bei dem Grenzen wenig gelten. Die Idee, dass das Hackbrett steirisch sei, der Dudelsack schottisch, das sei Folge von Nationalismen. Dabei sei Volksmusik „etwas Lebendiges, bei dem jeder Dorfmusikant versucht hat aufzuschnappen, was ging“.

All das ist nun, nach vielen Kooperationen, auch auf seinem ersten echten Soloalbum zu hören. In einem tranceartigen Zustand kurz nach der Geburt seiner Tochter produziert, habe er etwas „ganz Persönliches“ machen wollen. „Auch, um mir selbst zu zeigen, dass ich auch ohne Band und Technik mein Ding auf die Bühne bringen kann.“ Und das oft sogar gleichzeitig – etwa, wenn er Maultrommel und Jodeln kombiniert.

Mit seinem selbst gebauten „Wobblephone“ zitiert er sogar die Elektronik. Ein anderes Stück spielt er auf einer Klarinette aus dem Flügelknochen eines Geiers – seine Rekonstruktion eines der ältesten Musikinstrument der Welt. Das Gebein stammt aus China – nachdem man ihn bei der Greifvogelstation vertröstet hat: Der Geier sei erst 40, werde wohl noch einmal so alt. Noch nicht ganz fertig ist ein anderes Instrument: eine Flöte aus deutschem Mammutelfenbein.

ZUR PERSON

Albin Paulus ist Multiinstrumentalist, Musikwissenschaftler, Rekonstrukteur antiker und steinzeitlicher Musikinstrumente, Folk-Komponist und Instrumentenerfinder.

„Pur“ ( produziert von Walther Soyka) ist sein erstes Soloalbum. Am 12. Juli spielt er z.B. mit dem Love Tree Ensemble bei den Wellenklängen in Lunz, am 19. Juli mit seiner Band Hotel Palindrone beim Wellenklänge-Hausball, am 22.Juli im Theater am Spittelberg, am 1. August bei MoreOhrLess in Lunz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2019)